Bergwelten - Oktober 2017

Ausstieg auf Zeit

„Ich bin dann mal weg“, sage Michael Kastl und verschwand. Seit 2011 jeden Sommer für zwei Wochen. Kastl, 65 aus Grainau, verbringt jedes Jahr 10 bis 14 Tage als Betriebshelfer auf einem Berghof in Südtirol. Mit Ferien auf dem Bauernhof hat das nichts zu tun.

Ein besseres Zimmer auf einer Berghütte ohne Schrank und Schnick-Schnack, mehrere Eimer neben dem Bett, weil es reinregnet, und ein Klo, das nur über eine „Hena-Loata“ erreichbar ist. Dazu zehn bis zwölf Stunden harte körperliche Arbeit täglich, zwei Wochen lang. „Das ist schon grenzwertig“, sagt Michael Kastl, 65, und lacht dabei. Denn diese Erfahrungen haben sein Leben verändert. Positiv. Durch und durch. Immer, wenn er nach seiner kleinen Auszeit in Südtirol heimkehrt nach Grainau, ist er glücklich. „Ein bissl zufriedener“. Er weiß dann wieder, wie gut es ihm geht und was wirklich zählt im Leben. Das vermitteln ihm die Südtiroler Bergbauern jedes Jahr.

„Sie leben einfach, bescheiden, zum Teil fast primitiv, arbeiten viel und machen trotzdem einen zufriedenen und glücklichen Eindruck.“ Da beschwert sich niemand über zwölf Stunden Arbeit im Steilhang.

Seit 2011 fährt Kastl jedes Jahr als Helfer auf einen Hof nach Südtirol. 10 bis 14 Tage arbeitet er unentgeltlich in einem landwirtschaftlichen Betrieb, in dem Hilfe dringend gebraucht wird. Die Südtiroler Bergbauernhilfe vermittelt jedes Jahr rund 2300 Helfer aus Italien, Österreich und vor allem aus Deutschland an mehr als 300 Höfe in ganz Südtirol, deren Betreiber die Arbeit allein nicht mehr schaffen oder in einer Notlage sind. „Da stecken immer Schicksale dahinter“, betont Kastl. „Billige Arbeitskräfte nimmt dort niemand aus“. Ehrenamtliche Helfer werden nicht einfach geholt, um Geld zu sparen – sie werden dringend gebraucht.

„Wenn du glaubst, viel gearbeitet zu haben, dann kommst mal hierher“

2011, bei seinem ersten Einsatz, half der Oberfranke, der 43 Jahre lang bei der Kreissparkasse Garmisch-Partenkirchen gearbeitet hat, einer Familie im Ultental in großer Not. Altbauer hatte einen Hirntumor und fiel komplett aus. Der Sohn musste die Schreinerlehre abbrechen und im elterlichen Betrieb einspringen. Von heute auf morgen. Kastl war eine große Erleichterung bei der Heuernte. Viele Stunden verbrachte er beim Mähen in den Berghängen, „oft so steil wie der Freie Fall auf der Kandahar“. Die Füße voller Blasen, „man wusste nach ein paar Stunden nicht mehr, wie man überhaupt stehen sollte“. Und das sagt ein sportlich Aktiver, der viel in den Bergen unterwegs ist, der mit der Sense umgehen kann und Erfahrungen in der Landwirtschaft mitbringt.

Sein Schwiegervater führte lange Zeit einen Bauernhof in Grainau, die große Wiese hinterm Haus mäht er jedes Jahr per Hand. Trotzdem: Das Südtiroler Bergbauernleben ist eine ganz andere Nummer. „Wenn Du glaubst, in Deinem Leben viel gearbeitet zu haben, dann kommst mal hierher.“ Das sagte er schon im Oktober 2011, beim großen Erntedankfest, das die Bergbauernhilfe jedes Jahr für alle Helfer organisiert, als er vor 300 Gästen eine Rede halten musste.

Extrem steil, extrem abgelegen, extrem einsam

Mähen, melken, Milch „über abenteuerliche Forstwege“ ins Tal fahren, Steilhänge per Schlauch odeln und Kühe treiben: Kastl hat in vier Jahren Arbeitseinsatz viel gelernt vom Bauernleben. Nicht immer auf die leichte Tour. 2015 verbrachte er zwei Wochen nahezu allein auf einer Alm im Pfunderertal mit 13 Rindern. „Ganz allein zu sein ist schon gewöhnungsbedürftig“, gibt er offen zu. Nur morgens und abends kam der Bauer, um die Kühe zu melken. Wenn er frühmorgens auftauchte, war Kastl schon rund eine Stunde hinter den Kühen hergerannt, die die Nacht im Freien verbringen. „Und die mich gern mal zum Narren hielten“, trotzig in gefühlt tausend verschiedene Richtungen liefen. Nur nicht brav zum Steig, der zu Alm und Melkmaschine führt. „Danach bist schon einmal komplett durchgeschwitzt.“ Um 6 Uhr morgens ohne Frühstück im Magen.

Kastl will und mag die Herausforderung. Von den Höfen, die ihm die Bergbauernhilfe jedes Jahr zur Auswahl schickt, nimmt er gern den extremsten. Extrem abgelegen und nur per Seilbahn erreichbar, extrem hoch gelegen auf knapp 1800 Metern, extrem steile Hänge und extreme Ausnahmesituationen im Betrieb. „Das Schicksal der einzelnen Landwirte spielt für mich bei der Auswahl auch eine Rolle“, sagt er.

Das schöne Gefühl, wirklich helfen zu können

Es sind genau diese Extrem-Erfahrungen, die der frühere Banker so liebt. Die harte, schwere Arbeit, „das Gefühl, wirklich helfen zu können“, und dann abends, „todmüde, aber glücklich nach einem erfüllten Tag ins Bett zu fallen“.

Gepackt hat ihn die Lust auf den Ausstieg 2010 im Flugzeug nach London. Einmal im Leben wollte er mit seinem Bruder ein Wimbledon-Tennisspiel sehen. Und dann lag dort diese Broschüre im Flugzeug. Der Bericht über die Bergbauernhilfe Südtirol ließ Michael Kastl nicht mehr los. Er füllte gleich den Antrag aus, „nicht, dass ich es mir nochmal anders überlege“, und fuhr ein Jahr später, gerade im Ruhestand angekommen, nach St. Gertraud ins Ultental. „Diese Erfahrung damals hat mein Leben verändert“, sagt der 65-Jährige nachdenklich. Bis heute hat er mit der Bäuerin Kontakt. Ihr Mann ist mittlerweile seinem Hirntumor erlegen.

Als Helfer voll integriert im Familienleben

Solche schweren Schicksalsschläge gehören zum Leben dazu. Kastl ist jedes Jahr zwei Wochen ein Teil davon. Ein wichtiger Helfer, „der viel Dank erfährt, voll integriert wird“ ins Familienleben, abends mit Eltern und Kindern spielt, mit „sagenhaften Südtiroler Spezialitäten bekocht“ wird und mit der Familie isst. Er weiß, welche wichtige und schwere Arbeit die Landwirte verrichten. In der Heimat die Bauern, die die Mittenwalder Buckelwiesen per Hand mähen, ebenso wie die Südtiroler Milchbauern in ihren Steilhängen. Zu ihnen zieht’s den Grainauer immer wieder. Der Antrag liegt schon bereit für dieses Jahr. Die nächste Auszeit wartet.

Text: Janine Tokarski

Ausgabe: Sommer 2016

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INFOKASTEN: 

Freiwillige Arbeitseinsätze in Südtirol

Der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze beim Südtiroler Bauernbund vermittelt jedes Jahr Helfer aus Deutschland, Österreich, aus der Schweiz und weiteren Ländern an Bergbauernhöfe in ganz Südtirol, deren Betreiber Hilfe benötigen – bei der Heuernte, im Stall, bei der Kinderbetreuung oder bei anderen Tätigkeiten. Freiwillige, die unentgeltlich mindestens eine Woche bis zu mehreren Monaten helfen möchten, können sich unter www. Bergbauernhilfe.it einen Überblick über die Organisation verschaffen, die unter anderem mit der Caritas zusammenarbeitet. Zudem bietet die Internetseite einen Überblick über die Höfe, die Helfer suchen, die Teilnahmebedingungen, wichtige Kontakte und vieles mehr. Jeder Helfer erhält bei Interesse einen Anmeldebogen zugeschickt, auf dem er seine Wünsche der Tätigkeit und des Einsatzgebietes sowie, falls vorhanden, Vorkenntnisse in der Landwirtschaft angeben muss. Nach diesen Kriterien sucht der Verein mehrere Höfe aus und schickt den Interessierten ein Kurzporträt der Betriebe und ihrer Besitzer zu. Jeder Helfer kann den Hof dann frei wählen. nine

VideoErleben Sie jetzt das Video vom Arbeitseinsatz.
Do 21.6
12 - 32
Fr 22.6
10 - 30
Sa 23.6
5 - 27