Deutsch Perfekt August 2010

Manche Bauernhöfe in den Südtiroler Bergen können nur weiter existieren, wenn Freiwillige ohne Lohn bei der Arbeit helfen. Wie funktioniert das Zusammenleben? Marcel Burkhardt hat die Bauern und ihre Helfer im Ultental besucht.

Der Älteste ist noch immer der Erste. Rudolf Zöschg wird in diesem September 78. Aber morgens um halb sechs, wenn draußen noch alles still ist, kümmert er sich schon um die Tiere im Stall. In einer Ecke grunzen dort die hungrigen Schweine, in einer anderen gackern die Hühner. Auch Gitti, Greta, Karin und die zwölf anderen Milchkühe warten auf Futter. „Muuuh“, machen sie laut. „Ein schönes Konzert“, sagt Rudolf Zöschg und lacht. Obwohl ihm Rücken und Beine schmerzen, ist er mit Freude für die Tiere da und füttert sie. Lange bleibt er nicht allein. Seine Frau Walburga (70) kommt in den Stall, und auch Tochter Ilse (36) und ihr Mann Heinrich Breitenberger (48) helfen. Sie blicken aus müden Augen. Bis in die Nacht hinein waren sie auf ihren Wiesen bei der Heuernte - und das am Sonntag! In einem heißen, trockenen Sommer wie diesem arbeiten die Breitenbergers bis zu 18 Stunden pro Tag. Ihre Gedanken sind fast immer beim Heu, dem Futter der Kühe. Die Rechnung ist einfach: Geht es den Tieren gut, kann auch die Familie leben. Mit der Milch verdienen die Breitenbergers ihr Geld. Bei der Heuernte hilft die ganze Familie. „Wir halten alle zusammen, das ist das Wichtigste“, sagt Ilse Breitenbergers Sohn Julian (16). Weil die Arbeit aber hart ist, sind alle froh über Helfer wie Rüdiger Löwegrün, einen kräftigen Mann voller Energie. Der 63-jährige Deutsche hilft den Bauern freiwillig und ohne Lohn vier Wochen lang. Gerade fährt der Rentner den Mist der Tiere aufs Feld. „Das ist ein kommoder Knecht“, sagt Altbauer Rudolf Zöschg und lacht. Er meint das sehr freundlich. Für die Familie ist der Gast aus Braunschweig nämlich ein Freund. Alle wissen: Er ist ein großer Gewinn. Der Niedersachse ist einer von circa 1600 Menschen, die jedes Jahr auf Südtiroler Bergbauernhöfen mithelfen, wenn Unterstützung dort dringend gebraucht wird. Seit 1996 schickt ein Verein aus Bozen Helfer auf inzwischen 270 Höfe. Die Breitenbergers brauchen Hilfe, weil sich Bauer Heinrich vor drei Jahren bei einem Sturz schwer verletzt hat. Viele Monate konnte er sich nicht mehr bewegen. Noch heute hat er oft starke Schmerzen. Wer den Hof zum ersten Mal sieht, denkt an eine Idylle. Die viele Hundert Jahre alten Holzhäuser schmiegen sich an den Berg. Sie sind umgeben von Wiesen und Wäldern - ein Postkartenmotiv auf 1600 Metern Höhe, weit weg von der nächsten Stadt. Wer den Bauern dann helfen möchte, arbeitet in Stall und Garten, im Haushalt und auf den Wiesen. Manchmal passen die Freiwilligen auch auf die drei kleinen Kinder der Familie auf. Sie helfen beim Holzholen und bei der Obsternte. Vor allem aber werden sie von Juni bis Oktober bei der Heuernte gebraucht. Denn am Berg können die Bauern kaum Maschinen benutzen. Da brauchen sie so viele fleißige Hände wie möglich. Die Wiesen riechen nach Kräutern und Bergblumen. Grillen zirpen und nicht weit entfernt fließt ein Bach ins Tal. Heinrich mäht das hohe Gras mit der Sense. Er atmet schwer, sein Körper ist nass vor Anstrengung. Früher hat ihm diese Arbeit viel Spaß gemacht. Das ist vorbei. Denn heute tut ihm jede Bewegung sehr weh. „Es ist nicht mehr so gut wie früher“, sagt er, „aber man muss zufrieden sein.“ Nach und nach mähen die Breitenbergers das Gras auf ihren 13 Hektar großen Wiesen, lassen es in der Sonne trocknen und fahren es in den Stadel. Wer die Arbeit nicht gewohnt ist, bekommt schnell rote, heiße Hände und Schwielen. Rüdiger Löwegrün hat das schon lange hinter sich. „Ein zäher Bursche“, lobt Bäuerin Ilse Breitenberger. Die beiden arbeiten seit Wochen zusammen. Gegen Mittag steht die Sonne hoch am Himmel. Es ist heiß, und jeder wünscht sich eine Pause im Schatten. Aber das geht jetzt nicht. Schnell muss es weitergehen - und bitte kein bisschen Gras vergessen! So muss später kein Futter teuer dazugekauft werden. Punkt 12 aber geht es zu Oma Heidi. Heinrich Breitenbergers 87-jährige Mutter hat eine salzige Milchsuppe gekocht. Danach bringt sie Reis, Fleisch und dazu frisches Gemüse aus dem Garten auf den Tisch. Den Salat essen alle gemeinsam aus einer großen Schüssel. Die Gruppe sitzt fröhlich am Tisch. Alle haben das gute Gefühl, etwas getan zu haben. Zum Kaffee gibt es Obstkuchen. Oma Heidi freut sich, weil es allen schmeckt. „Hart arbeiten, gut essen - so soll es sein“, sagt sie. Manche Helfer suchen bei den Bergbauern das einfache Leben in der Natur. Manche wollen einfach mal raus aus dem Büro. Rüdiger Löwegrün liebt es, in den Südtiroler Bergen zu wandern. Er sieht es so: Die Bauern erhalten mit ihrer Arbeit den Charakter der Region. „Sie sind die Landschaftspfleger - deshalb helfe ich ihnen, als Knecht auf Zeit“, sagt der Norddeutsche und lacht. Um Arbeiter bezahlen zu können, verdienen viele Bergbauern nicht gut genug. „Das Überleben ist schwierig, weil die Preise im Keller sind - es gibt Billigwaren von A bis Z“, ärgert sich Ilse Breitenberger. Immerhin: Für ihre Milch bekommt die Familie zwischen 45 und 50 Cent pro Liter, mehr als die meisten Bauern. Rund 110 000 Liter Milch liefern ihre Kühe pro Jahr. Auf den ersten Blick gibt das einen schönen Gewinn. Aber die Kosten für Tierfutter und Maschinen fressen mehr als die Hälfte davon. Von dem, was übrig bleibt, leben zwölf Menschen. In der „Welt da draußen“ haben viele Hilfsarbeiter mehr für sich allein. Die Breitenbergers kennen keinen Urlaub, aber das stört sie nicht. „Es klingt vielleicht altmodisch, aber wir lieben unsere Heimat und haben alles, was wir brauchen“, sagt Ilse am Nachmittag. Wer ihr zuhört, dabei das frische Heu riecht, die warme Sonne auf der Haut fühlt und die Berge sieht, der fühlt sich an diesem Ort fast selbst zu Hause. So geht es auch Ulrike Berninger, die alle nur „Ulli“ nennen. Sie hilft beim Nachbarn. Nach drei Wochen sagt sie: „Ich lebe hier einfach!“ Sie sieht glücklich dabei aus. „Ich habe so viel Ballast im Tal gelassen, hier oben fühle ich mich frei - ich habe schon ein bisschen Angst, wieder zurückzugehen.“ Der 51-jährigen Deutschen tun zwar Hände und Füße weh. Aber sie beschwert sich nicht. Sie ist froh über die Erfahrung. Nun weiß sie, wie viel Arbeit hinter einem Stück Butter oder einem Liter Milch steckt. In ihrem Bürojob in Nordbayern muss sie oft mehrere Aufgaben auf einmal erledigen: telefonieren, E-Mails schreiben und solche Sachen. Immer ist da der Stress. Auf dem Berg kann sie sich auf eine Aufgabe konzentrieren. Das macht sie zufrieden. An ihrem letzten Abend ist es Ulli etwas schwer ums Herz: „Die Leute haben mich so nett aufgenommen.“ Sie wird am nächsten Morgen ein bisschen kämpfen müssen, um beim Abschied nicht zu weinen. Hinter den Bergen geht die Sonne langsam unter, da richtet UlIi sich auf: „Im nächsten Jahr komme ich wieder!“, sagt sie ganz bestimmt. Das Gleiche hoffen auch die Breitenbergers von ihrem Helfer Rüdiger. Und, wird er? „Das werden wir sehen“, sagt Rüdiger Löwegrün trocken. In seinem Gesicht ist zu lesen, dass er sich schon entschieden hat.

Von Marcel Burkhardt

HELFEN LEICHT GEMACHT

Freiwillige Helfer sollten auf einem Bergbauernhof in Südtirol mindestens für eine Woche mitarbeiten. Gute Fitness ist wichtig. Für ihre Arbeit bekommen die Helfer Essen, ein Zimmer und eine Unfallversicherung gratis.

VideoErleben Sie jetzt das Video vom Arbeitseinsatz.
Mo 6.2
-18 - 2
Di 7.2
-22 - -1
Mi 8.2
-25 - 0