Dolomiten - September 2017

Dem ursprünglichen Leben auf der Spur

Bergbauernhilfe: Erfahrungsberichte eines leitenden Angestellten aus Deutschland und eines Lehrers aus Eppan über ihren Freiwilligeneinsatz

Bozen (az). Vor 20 Jähen wurde der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze aus der Taufe gehoben, um freiwilligen Helfer an hilfsbedürftige Bergbauern zu vermitteln. Das Modell hat sich längst bewährt, wie die mittlerweile mehr als 2000 Helfer jährlich beweisen. Jeder dieser Helfer lässt sich auf ein besonders Abenteuer ein und steuert seinen Teil bei zur Existenzsicherung von Bauern, mit denen es das Schicksal nicht gut meint. Einerseits. Andererseits erleben die Helfer hautnah die Abgeschiedenheit, Bodenständigkeit und die Arbeitsintensität des entbehrungsreichen Daseins am Hof. Im Grunde exakt das, was immer mehr stressgeplagte Menschen suchen. Ein Südtiroler und ein bundesdeutscher Helfer berichten über ihre heurigen Erfahrungen.

----------------

„Mein allergrößter Respekt“

Erfahrungsbericht: Leitender Verlagsangstellter auf Vinschger Hof

Bozen/Unterfranken (az). Seinen Lebensunterhalt bestreitet Frank Schormüller in leitender Position im Verlagswesen. Demzufolge geht der 47-jährige Mann aus unterfranken klassischen Bürotätigkeiten nach – Meetings, Marktbeobachtungen, strategische Analysen bestimmen seinen durchstrukturierten Alltag. Heuer im Juli erfüllte er sich sein lang gehegter Wunsch, einmal in eine völlig andere Welt einzutauchen – in jene des Bergbauern. Dabei liebäugelte er mit einem starken Kontrast und hielt stichwortartig fest: Am liebsten nach Südtirol, möglichst weit oben, mit vielen Tieren und bei einer sympathischen Familie. Per Google landete er sofort bei der Bergbauernhilfe, dort bekam er nach wenigen Formalitäten verschieden Höfe zur Auswahl.

Er entschiede sich für einen hof mit Vieh und Getreideanbau im Vinschgau auf 1600 Meter Höhe. „Jeden Morgen um 6 Uhr ging es in den Stall mit etwa 20 Kühen und dort hieß es Ausmisten, Melken, Füttern und ein paar Kälber auf die Wiesen bringen“, schildert er eine der Haupttätigkeiten am Hof, der aus Privacy-Gründen nicht näher spezifiziert wird. Dabei wurde er vom Hofhund auf Schritt und Tritt begleitet, eine erste Erholung bot die Fahrt zum Sammelpunkt, an dem die Milch abgeholt wurde. Nach dem Frühstück fielen entweder Reparaturen am Hof oder eben Heuarbeiten auf den Feldern an – zu tun gab es immer genug. Ab 18 Uhr wurde nochmals Stallarbeit fällig, erst gegen 20.30 Uhr war üblicherweise Feierabend.

Übersteigt jegliches Vorstellungsvermögen

„Der Tag ist sehr lang, abends ist man einfach fix und fertig und an Ausschlafen war auch nicht zu denken“, meint Schormüller. Die Arbeit auf dem Hof habe einfach nie aufgehört. „Es ist unfassbar, was auf so einem Hof geleistet wird, und es ist mir ein Rätsel, wie die Bauersleute dort mit so wenig Schlaf derart viel arbeiten können – sie verdienen meinen allergrößten Respekt“, sagt der 47-Jährige anerkennend. Was dort geleistet wird, übersteige schlichtweg das Vorstellungsvermögen.

Nicht selten mussten die Bauern für gewisse Reparaturen oder Vorbereitungen auch noch abends raus, insbesondere imponierten dem freiwilligen Helfer die Willenskraft, die Kondition und der Zusammenhalt in der Familie. Dabei präzisiert er: „Ich bin nicht naiv, weil ich auch selbst auf dem Land aufgewachsen bin und meine Familie mit einer Bauernfamilie befreundet war.“ Wer derart zupackt, hat am Abend freilich auch echten Heißhunger, und das tägliche Abendbrot im Kreise der gastgebenden Familie war für Schormüller „ein Hammer, ein Wahnsinn“. Aufgetischt wurden etwas originale Südtiroler Semmelknödel oder selbstgebackenes Vinschger Brot und weitere selbstgemacht Produkte. Noch lebhaft hat er den „Großbacktag“ in Erinnerung, als 300 Brote im hofeigenen Ofen zubereitet wurden.

Obwohl es zunächst wegen des markigen Vinschger Dialektes einige Verständigungsschwierigkeiten gab, fühlte sich der Helfer sofort bestens in die Bauernfamilie integriert – die Herzlichkeit und die gegenseitige Wertschätzung machten es möglich. „Man muss sich einfach einlassen, denn man taucht in eine völlig fremde Welt ein, aber bekommt so vieles zurück“, zieht Schormüller ein positives Fazit von seinem Einsatz. Das Einfach Leben und die harte Arbeit hab ihn mit Demut erfüllt und ihn nachhaltig bereichert – der Aufenthalt sei unvergesslich.

„Man muss sich auf dieses Abenteuer einfach einlassen, dann taucht man unweigerlich in eine fremde Welt ein, bekommt aber gleichzeitig auch so vieles zurück.“

Frank Schormüller, Helfer aus Deutschland

--------------

„Besinnung auf das Wesentliche“

Erfahrungsbericht: Eppaner Lehrer auf Bergbauernhof im Pustertal

Eppan (az). Extrem steile Hänge, einen mit Arbeit vollgepackten Tag, 15 Kühe, 22 Schafe und weiteres Vieh, vor allem aber eine besonders offene Bauernfamilie fand Markus Schweigkofler (45) bei seinem freiwilligen Einsatz an einem Pusterer Bergbauernhof vor. „So etwas kann nur mit gegenseitigem Vertrauensvorschuss und viel Offenheit funktionieren“, meinte er, denn schließlich nehmen die Gastgeber einen Fremden bei sich auf. Vor dem Start Mitte August war er etwas aufgeregt, denn schließlich wisse man nie, was einem erwartet und zwangsläufig müsse man die eigene Komfortzone verlassen.

Heute, nach seinem 10-tägigen Freiwilligeneinsatz auf 1500 Meter Höhe ist sich Schweigkofler, der Lehrer und studierte Religionswissenschaftler, sicher: „Es war eine außerordentlich wertvolle Erfahrung und ich konnte sehr viel mitnehmen“. Damit meint er elementare Dinge wie das Eingebundensein in die Kreisläufe der Natur, die Besinnung auf das Wesentliche und die Gewissheit, jeden Tag mit den eigenen Händen etwas geleistet zu haben. Der strukturierte Tag habe etwas Meditatives und bilde einen beruhigenden Gegen pol zur um sich greifenden Hetze in Ballungszentren.

Wie im Selbsterfahrungsseminar

„Mit etwas Fantasie kann man so eine Erfahrung durchaus mit einem Selbsterfahrungsseminar vergleichen“, grübelt der Lehrer, der natürlich nicht nur etwas mitgenommen, sondern auch vieles gegeben hat. Für ihn galt es, das Grummet einzubringen und bei Holzarbeiten anzupacken. Manuelle Arbeiten als Ausgleich zu dem geistigen Tätigkeitsbereich eines Lehrers. Abends fiel Schweigkofler, der in seiner Freizeit regelmäßig Ausdauersport betreibt, dann regelmäßig erschöpft, aber auch zufrieden ins Bett. Die Arme schwollen an, an den Füßen bildeten sich Blasen.

Freiwillige Helfer werden vom Verein „Freiwillige Arbeitseinsätze in Südtirol“ an besonders hilfsbedürftige Bergbauern vermittelt – dabei ist die Hofstelle schwierig zu bearbeiten und zudem die soziale und finanzielle Situation der Bauern alle andere als vorteilhaft. Allen Unwägbarkeiten zum Trotz konnte Schweigkofler bei seiner Familie eine tiefe Zufriedenheit und Dankbarkeit feststellen. „Sie haben nicht viel, arbeiten mindestens 12 Stunden am Tag, müssen die Hänge, teilweise noch mit der Sense mähen, sind aber ausgeglichen, geerdet, herzlich und auf ihre ganz eigene Art auch wief“, hat er beobachtet. Das müsse wohl auch mit dem Freiheitsgefühl, den Bergen und einem noch intakten Gemeinschaftssinn zusammenhängen. Eine starke Kraft sei eines der charakteristischen Wesensmerkmale.

Obwohl der am Ritten aufgewachsene und in Girlan wohnhafte Schweigkofler seinen Einsatz in einem Pusterer Seitental geleistet hat, fühlte es sich für ihn an, wie das Eintauchen in eine mysteriöse Welt, in der es Ansichten, Kultur und auch Sprache neu zu ergründen galt. Gerade weil er mit offenen Antennen und viel Sensibilität seinen ersten Freiwilligeneinsatz auf einem Bergbauernhof wahrgenommen hat, haben sich seine Erwartungen mehr als nur erfüllt. „Ich wolle einerseits sinnvolle Hilfe leisten und andererseits die Ursprünglichkeit des Lebens in der Abgeschiedenheit in mir wahrnehmen“, schildert er seine Motivation und denkt bereits jetzt an seinen nächsten Einsatz.

„Der strukturierte Tag, die Tätigkeiten und das Eingebundensein in der Natur haben etwas Meditatives und bilden einen beruhigenden Gegenpol zu der Hetze in den Ballungszentren.“

Markus Schweigkofler, Helfer aus Eppan.

VideoErleben Sie jetzt das Video vom Arbeitseinsatz.
Do 21.6
12 - 32
Fr 22.6
10 - 30
Sa 23.6
5 - 27