Erlebnisbericht aus dem Vinschgau von Horst Göhrig
„Also angefangen hat das alles mit meiner Vision, doch dort arbeiten zu wollen, wo ich am liebsten auch Urlaub machen würde. Hier in meinem Wohnort in Borken habe ich nun durch die Landwirtausbildung meines Enkels einen guten Kontakt zu einem Bauern bekommen und schon einiges von der Arbeit eines Landwirtes kennen gelernt. Daraus entwickelte sich dann der Gedanke – sinnvolle Tätigkeit – in reizvoller Umgebung – gesünder leben – und meine Belohnung – gut schlafen.
Auf der Suche im Internet über Begriffe wie: Arbeit Bauernhof, freiwillig, landete ich dann auch bei http://www.bergbauernhilfe.it/. Auf dieser Seite gibt es Basisinformationen über den Zweck und den Umfang von Bergbauernhilfe in der Region Südtirol. Dort habe ich mich per E-Mail als Helfer vorgestellt und bekam umgehend einen Anruf von einer sehr netten Frau, die gleich sowohl meine Motivation als auch meine Fähigkeiten als Bergbauernhelfer hinterfragte. Es folgte dann ein Schrittwechsel in dessen Verlauf, dann Einzelheiten wie meine zeitliche Verfügbarkeit, Arbeitsbedingungen, Versicherungsschutz, die von mir bevorzugten Einsatzorte u.a. geklärt wurden.
Ca. 4 Wochen vor dem von mir gewünschten Arbeitsbeginn bekam ich dann Steckbriefe von 4 Bergbauernhöfen die meine Hilfe brauchen könnten, ich konnte nun den Hof heraussuchen, der am ehesten meinen Vorstellungen entsprach.
Ich entschied mich für den Wieshof im Vinschgau oberhalb der Ortschaft Schlanders auf ca. 1200 Meter Meereshöhe, geführt von dem Jungbauern Roland, 25 Jahre alt und seiner Freundin Simone. Auf dem Hof wird neben Viehzucht auch Obst- und Gemüseanbau betrieben (Kirschen, Marillen, Birnen, Erdbeeren und Blumenkohl). Auch Urlaub auf dem Bauernhof wird in Ferienwohnungen angeboten.
Ich startete dann mit viel Neugier am Sonntag den 18. August 2010 mit dem Auto zur Fahrt ins Südtiroler Vinschgau. Mit dem Bauern Roland hatte ich vorher für 1 Woche meinen Arbeitseinsatz bei ihm abgesprochen. Im Gepäck Arbeitskleidung für jede Witterung und dem Gefühl eine gute Sache vor mir zu haben. Die Vorbereitung für diese Sache, über den „Verein Freiwillige Arbeitseinsätze“ der diese Bergbauernhilfe mit organisiert, war so professionell und überzeugend, dass bei mir keine Zweifel am Erfolg für den Bauern wie für mich aufkam
Nach guter Fahrt über den Fernpass und den Reschenpass kam ich am frühen Sonntagnachmittag auf dem Hof an. Nach kurzer Begrüßung, telefonisch hatten wir uns ja schon bekannt gemacht, sing es schon mit Volldampf zur Sache. Auch Rolands 14 Jahre alter Bruder David, der Schulferien hatte, war im Einsatz.
Marillenernte (keine Marillen, sondern Aprikosen) aber nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte!
In der an das Hofgebäude angrenzenden Marillenplantage waren 15 Polen damit beschäftigt die herabgefallenen und aufgeplatzten Marillen einzusammeln, für den Transport zum Hof. Das Wetter hatte den Reifeprozess durcheinander gebracht. Zuviel Regen hat einen großen Teil der Früchte vor der Ernte als Tafelware aufplatzen lassen und wurden zum Teil von den Bäumen abgeworfen. Also, dieser Teil der Früchte können nur noch zum Schnaps brennen verwendet werden.
Der Einsatz der polnischen Erntehelfer/innen hat dort eine lange Tradition, einige kommen schon über 16 Jahre an den gleichen Ort und werden von den Bauern recht geschickt auf den Höfen bei denen „Not am Mann“ ist eingesetzt. Auch die Bauern selbst sind ein Teil einer Nachbarhilfe, die sich gegenseitig in ihrer stark wetterabhängigen Erntesituation helfen.
Also – Marillenernte – alle Früchte die jetzt noch nicht für das Schnapsbrennen eingesammelt oder gepflückt werden konnten, werden am nächsten Tag verschimmelt und wertlos sein. Eile ist angesagt, die polnischen Pflücker in der Plantage (Steilhang) füllen aus ihren umgehängten Schütter die Früchte in Plastiksteigen die den Hang hinauf in den Baumreihen stehen. Am oberen Weg der Plantage steht eine Motorwinde, von dort wird dann ein umgebauter Hörnerschlitten mit untergeschraubten Skiern den Hang per Hand hinuntergezogen. Von unten wird dann der Schütter mit den gefüllten Steigen beladen und mit der Motorwinde nach oben gezogen (dabei hat mich dann auch eine nette Dame vom Verein Freiwillige Arbeitseinsätze fotografiert, als sie zu einem Besuch auf dem Hof war).
Oben angekommen wurden die Steigen auf den Traktor umgeladen und schnellstens auf den Hof gebracht. Dort in Behälter umgefüllt und zerkleinert.
Gegen 23 Uhr geht allen langsam die Puste aus und ich habe die Autofahrt schon vergessen, ein Stück Käse, ein Streifen Speck, ein Vinschgerl auf meinem Zimmer gegessen und so genau weiß ich dann nicht mehr ob ich noch geduscht habe oder nicht, auf jeden Fall habe ich einen Tiefschlaf genossen.
Im Prinzip liefen die nächsten Tage ähnlich ab, um 8 Uhr fertig gefrühstückt, vom Hof in die Plantage, um 12 Uhr Mittagessen und am Abend bis die Arbeit fertig war, das konnte auch schon mal 20 Uhr sein.
Das Wetter hatte sich auch etwas gebessert und die Reife der Marillen auf den Bäumen ist fortgeschritten, sodass auch sogenannte Tafelware geerntet werden konnte. Diese Tafelware wird ausschließlich an die Genossenschaft geliefert, von dort nochmals sortiert und weitervermarktet. Mein Bauer Roland liefert dort z.B. 10 Tonnen Tafelware ab und erfährt 2 Monate später, über die Bezahlung, wie viel seiner abgelieferten Ware als Tafelware, als mindere Marmeladenware oder nur als Schnapsware oder gar als Müll aussortiert wurde.
Jeder Tag war für mich randvoll ausgefüllt; da war die Hofarbeit an sich, dann die Gespräche mit Roland, der es gut versteht – mit Erklärungen der Zusammenhänge der Abläufe auf dem Hof – zur Arbeite motivierend anspornt.
Und dann in den kleinen Verschnaufpausen den Kopf hoch gestreckt, mit bewusst tiefem Atmen beim Beschauen der in der Nähe und Ferne sich bietenden Bergkulissen, das große Gefühl mal wieder ein Ziel erreicht zu haben.
In der Woche, in der ich auf dem Hof war, hatte die Arbeit mit den Marillen dominiert. Zum Schluss waren die Bäume sauber abgeerntet, so konnten keine Früchte auf den Bäumen faulen und Krankheiten auslösen. Bei einem Traktor haben wir auch noch die Kupplung austauschen müssen, da ein Helfer vor einiger Zeit versucht hatte, den Traktor über die Kupplung bei einer Bergabfahrt zu bremsen.
Mit dem Vieh des Bauern Roland kam ich nicht in Berührung, denn es war auf der Hochalm und bleibt dort den Sommer über, nur nach dem Abtrieb im Herbst hat er es im Stall, dort wird es dann noch so lange gefüttert bis es dann als hochträchtiges Vieh verkauft wird.
Die gute Fee auf dem Hof ist Simone, die Freundin vom Bauer. Sie kochte uns zum Mittag immer etwas Leckeres aus der Tiroler Küche und ist die Herrin von köstlichem Eingemachtem, Obstsäften und Marmeladen, davon bekam ich dann auch reichlich als Abschiedsgeschenk mit nach Hause.
Nach einer Woche intensivem Leben auf dem Hof mit Roland, David und Simone habe ich in der Sammlung meiner Lebenserfahrungen ein Kleinod dazubekommen, das zu beschreiben aber die Dimension hier nicht aufnehmen kann. Auch die Einblicke in das bäuerliche Leben, auf einem Hof der wie vor einer Loge in das Tal voller Wohlstand schaut und zwischen verantwortungsvollem Umgang seiner natürlichen Ressourcen und wirtschaftlichen Zwängen taktieren muss, hinterlässt eine große Nachdenklichkeit.
Nachdem diese Woche am Ende war, fiel mir der Abschied nicht ganz so schwer, denn nun begab ich mich ins Tal und hatte 4 Wochen Wanderzeit im Vinschgau vor mir. Mit dem Bauern Roland hatte ich vereinbart, dass ich von meinem Hotel in einer viertel Stunde bei ihm sein könnte und im Bedarfsfall auf den Hof kommen kann. So kam ich auch noch einmal zur Heuernte und dann noch zum Beginn der Kohlernte. Bei diesen Besuchen habe ich dann auch noch andere Helfer kennen gelernt, der eine hatte schon Erfahrung in Arbeitseinsätzen aus Vorjahren an anderen Hofstellen und der Zweite war ein Student, der mit dem Fahrrad aus Leipzig angereist war. Alles Menschen – wie Du und ich.
Ich habe mir vorgenommen, dass das nicht mein letzter Arbeitseisatz war.“
Hier sind noch einige Informationen über die Freiwilligen Arbeitseinsätze in Südtirol:
Den Verein Freiwillige Arbeitseinsätze gibt es nunmehr seit 11 Jahren. Gegründet wurde er aus der Erkenntnis heraus, dass man Menschen in Not nicht immer nur mit Geldmitteln helfen kann. Der Bäuerliche Notstandsfonds betreute oft Fälle, in denen menschliche Mithilfe und Beistand, Unterstützung und Entlastung bei der Arbeit für den Fortbestand eines Südtiroler Bergbauernhofes viel wichtiger waren, als eine finanzielle Unterstützung. Aus diesem Umstand heraus haben die vier Trägerorganisationen, der Südtiroler Bauernbund, die Diözosencaritas, die Südtiroler Lebenshilfe und der Südtiroler Jugendring vor 11 Jahren den Verein Freiwillige Arbeitseinsätze aus der Taufe gehoben. Das Ziel des Vereins ist es, hilfsbedürftigen Bergbauern durch die Mitarbeit von freiwilligen, ehrenamtlichen Menschen in einer schweren Zeit zu helfen. Bergbauern, die in einer Notlage geraten sind, dringend Hilfe benötigen, um ihren Hof weiter bewirtschaften und sich somit ihre Existenz sichern zu können. Der Verein kümmert sich um eine Unfall- und Haftpflichtversicherung. Die Bergbauernfamilien brauchen dich für Erntearbeiter auf Feld und Wiese, im Stall, im Wald, im Haushalt sowie bei der Betreuung älterer, kranker und/oder behinderten Menschen. Die Arbeitszeit auf einem Bergbauernhof hängt von mehreren Faktoren ab. Zum einen von der Dringlichkeit der zu verrichtenden Arbeiten, von der Witterung – z.B. im Sommer, wenn das Heu geerntet werden muss und der Wetterbericht schlechtes Wetter vorhersagt, erfordern die Umstände auch mehr als einen Acht-Stunden Tag – von der familiären Situation und von der Anzahl der Personen, die am Hof mitarbeiten. Zudem hat jede Bauernfamilie ihre individuellen Rhythmen. Als Regel für einen freiwilligen Helfer kann gelten, dass er vom Frühstück, zwischen 7.00-8.00 Uhr, bis zum Abendessen, zwischen 18.00-20.00 Uhr, mithilft. Die Arbeitszeiten werden zudem von folgenden Mahlzeiten unterbrochen: Halbmittag (-Jause) um ca. 11.00 Uhr, Mittagessen zwischen 12.00 und 13.00 Uhr und Marende um ca. 16.00 Uhr. Bei schlechter Witterung werden Arbeiten im Haus oder in den Wirtschaftsgebäuden verrichtet. Sonntags wird in der Regel nicht gearbeitet.