Fünf Uhr morgens. Wie gewohnt, werde ich wach. Ist die Nacht schon wieder vorbei? Noch benommen vom Schlaf will ich aufstehen, in die Stiefel steigen und die Kühe zum Melken holen. Da fällt mir ein, dass ich heute länger schlafen kann: Meine Zeit auf der Alm ist vorbei, ich kann noch zwei Stunden im Bett liegen bleiben und werde heute nach 3 Wochen erstmals wieder ein gebügeltes Hemd anziehen und ins Büro gehen......ein gebügeltes Hemd, steifer Kragen, Telefon, Handy, E-Mail, Fax, Briefpost, die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen... 3 Wochen ohne......auch 3 Wochen ohne einkaufen, kochen, putzen... mir fällt ein: ich hatte mir einen Notizblock besorgt, um aufzuschreiben, wenn mir Ideen zu meiner Arbeit einfielen, damit sie nicht verloren gehen würden - nach 2 Wochen merkte ich, dass ich den Block nicht brauchte, nicht, weil ich keine Ideen gehabt hätte, sondern, weil ich weit weg war, weit weg von dem, was meinen Beruf und Alltag ausmachte, ich erlebte mich mitten in der Natur, in einer Welt, die für mich neu war und ungewohnt und das, was mich bewegte, hatte mit meiner Arbeit, mit meiner Erwerbstätigkeit, nichts zu tun. Hier war ich eingebunden in einen Rhythmus, der von der Natur vorgegeben war, den sich wir Menschen zunutze gemacht haben. ...3 Wochen ohne Autolärm, kein Martinshorn, kein Flugzeug, stattdessen: ein rauschender Bach, an den ich mich erst nach 3 ziemlich schlaflosen Nächten gewöhne, ein ohrenbetäubendes Glockengewimmel, wenn die Kühe im Stall standen, und eine kleine, helle Glocke, die im Rhythmus des Sekundentaktes ertönte, dem Rhythmus des Kauens einer Kuh folgend und, wie ich später feststellte, im gleichen Takt anschlug wie die Melkmaschinen pumpten und die beiden Kälber saugten. Morgens beim Frühstück läuft im Hintergrund ein Radiogerät, hin und wieder lässt ein Gast eine Zeitung zurück. Von dem, was draußen in der Welt geschieht, erfahre ich nur wenig. Hat es überhaupt Bedeutung? Hier ist es wichtig, wie das Wetter wird, wie kalt wird es nachts, sind die Kühe gesund, ist die Milch in Ordnung, gelingt der Käse, finden sich Käufer für den Käse? 3 Wochen war ich auf einer Alm, habe dort mitgewohnt und mitgearbeitet. Kühe zum Melken eingeholt, sie an ihren Stellplätzen angekettet, gemolken, Zusatzfutter zugeteilt, die Kühe von den Ketten gelöst, wieder auf die Weide geführt, den Stall ausgemistet, unter Mittag während des Ausschankes gespült und nachmittags wieder Kühe eingeholt, im Stall an die Kette gelegt, gemolken, den Stall gereinigt usw. Auf der Alm sind ca. 50 Milchkühe eingestellt. Betreut wird die Alm von Egon (33) und Karin (28), die mit ihren Kindern, Rene (8) und Celina (6), gekommen sind. Sie haben im benachbarten Tal einen eigenen Hof. Mit ihren 25 Kühen verbringen sie den Sommer auf der Alm, erzielen mit dem Lohn und dem Ausschank ein höheres Einkommen als zu Hause, das sie auch deswegen benötigen, weil sie im vergangenen Jahr ein neues Wirtschaftsgebäude errichten mussten, das nötig war und teurer wurde als vorgesehen. So brauchen sie ihre Kühe nicht aus der Hand zu geben und können dennoch auf die Alm. Die Kälber und einige Kühe, die zwischenzeitlich nicht gemolken werden, weiden auf der Hochweide, die zur Alm gehört. Regelmäßig wird nach ihnen geschaut, aber es ist nicht zu verhindern, dass 2 von ihnen abstürzen, eines hätte wenige Wochen später kalben sollen. Es sind jedesmal Kühe von Egon, es sind schwarz-bunt gescheckte Holsteiner. Sie geben 3-4 mal mehr Milch als die einheimischen Rot-Bunt-Gescheckten oder die hellbraunen Allgäuer oder das Tiroler Grauvieh. Aber sind sie auch geeignet für das unwegsame Almgelände? Anfangs wurde täglich Butter und Käse hergestellt, nun alle 2 Tage. Die Kühe haben die Weiden kräftig abgegrast, jetzt im August reicht es nicht mehr zur vollen Milchleistung. Unter Mittag gibt es einen Ausschank, erstmals in diesem Jahr, der von den Touristen gerne angenommen wird. Käse- und Wurstplatte, Kaiserschmarrn oder Omelett werden gerne angenommen, ebenso Bier, Wein und Säfte, aber auch Milch und Joghurt mit Obst und auch Molke. Am späten Abend kehren Jäger ein, sie bereiten sich auf die bevorstehende Jagdzeit ein. Sie nehmen es als selbstverständlich hin, daß die Bauern sie bewirten, obgleich deren Tagewerk schon erbracht ist. Morgens, um 5.00 oder 5.30 Uhr geht es los, abends, um 20.30 Uhr ist die Arbeit getan, sofern nicht ein paar Kühe ausgerissen sind – dann kann es sehr spät werden. Nach dem Tagewerk ist zwar die Arbeit getan, aber der Tag muß auslaufen können, nach der Sorge ums Vieh gibt es auch noch die Sorge für sich selbst, noch etwas essen, bevor es ins Bett geht, noch ein paar Dinge ansprechen, die tagsüber geschehen oder am folgenden Tag zu beachten sind. Müdigkeit macht sich breit und läßt wenig Raum für einen Tagesrückblick und eine Vorschau auf das Kommende oder ein gemütliches Beisammensein. Und das über die ganze Almzeit hinweg. Betrieben wird die Alm von einer Genossenschaft, in der sich Bauern und Interessierte aus Burgeis, dem Dorf im Tal, zusammengeschlossen haben. Sie haben alle oder einen Teil ihrer Kühe auf die Alm gegeben. Einmal pro Woche wird die Milchleistung jeder Kuh gemessen. Entsprechend des Anteils am Gesamtaufkommen ergibt sich daraus der Anspruch der einzelnen Bauern auf Butter und Käse. Während die Kühe auf der Alm grasen, können die Weiden im Tal gedeihen, das Gras kann geschnitten und als Heu für den Winter eingeholt werden. So werden die gegebenen Möglichkeiten genutzt: Die Kühe grasen die Weiden auf der Alm ab, sind bei Wind und Wetter im Freien, sind in Bewegung, entwickeln kraftvolles und schmackhaftes Fleisch und erzeugen eine wohlschmeckende, gehaltvolle Milch, aus der sich hochwertige Butter und Käse zubereiten läßt. Derweilen wächst im Tal das Grünfutter heran, das für den Winter geschnitten und getrocknet wird. Darin zeigen sich aber auch Grenzen: gäbe es die Sommeralternative Alm nicht, würde das Grünfutter im Tal nur für weitaus weniger Kühe reichen. Zwischenzeitlich kommt der eine oder andere Bauer, um vorzeitig seinen Anteil zu holen oder nach seiner Kuh oder seinen Kühen zu schauen. Regelmäßig schaut der Obmann der Genossenschaft vorbei. Er stammt aus einer Bauernfamilie, hat jedoch einen anderen Beruf erlernt, da ein Bruder den Hof übernahm. Seit eines seiner Kinder Allergien bekam, engagiert er sich in der Genossenschaft. Er kaufte eine Kuh, die er im Winter im Hof seines Bruders einstellte und im Sommer auf die Alm gab. Die Allergie des Kindes und die Sorge um das Kind ließen ihn nachdenklich werden, bewußter leben. Das Almgebäude wurde 1958 errichtet. Die Alm, oberhalb des Rechensees und des Haider-Sees im Obervinschgau, Südtirol, gelegen, reicht in das Quellgebiet der Zerzer. Diese fließt im Tal in die Etsch und diese wiederum mündet bei Venedig ins Mittelmeer. Das Wasser im Almgebiet reicht aus, um ein Wasserkraftwerk zu betreiben. So steht Strom zur Verfügung für die Melkanlage, für die Zubereitung des fließend-heißen Wassers, für die Dusche, Waschmaschine und elektrische Beleuchtung - ein Komfort, der zunächst nicht erwartet wird. Auf einer Alm kann es komfortabel sein, wenn die Möglichkeiten geschaffen und genutzt werden. Die Kühe werden zum Melken in den Stall geholt. Tags- und nachtsüber sind sie im Freien, Wind und Wetter ausgesetzt, sie müssen sich ihr Futter selbst suchen. So haben sie kilometerweiten Auslauf, Bewegung, vielfältiges Futter und stärken ihre Abwehrkräfte. Da sie die Weiden zusehends abgrasen, bekommen sie im Stall Zusatzfutter. Im Tal haben die Bauern darauf verzichtet, Silofutter zu geben. Es wird versucht, so weit es geht, die Tiere ihrer Art gemäß zu halten. Wieso das Zusatzfutter „Kraftfutter“ heißt, will mir nicht in den Sinn: Ist das Grünfutter, daß die Tiere auf der Alm zu sich nehmen, kein „Kraftfutter“? Die Organisation des Stalles wird „Anbinde- oder Festbindestall“ genannt. Für zwei mal eine Stunde werden die Kühe angekettet, damit sie beim Melken nicht davonlaufen. Ställe, in denen Kühe nicht angekettet werden, werden als Laufstall bezeichnet. Das klingt so, als sei es die bessere Methode. Dabei werden solche Kühe meist nur im Stall gehalten, bewegen sich zwischen Futterkrippe, Trinkstelle und Melkraum, das ergibt am Tag allenfalls ein paar hundert Meter. „Wind und Wetter“ kennen solche Kühe nicht, Futtersuche und unwegsames Geländes ist ihnen unbekannt, ihre Klauen verschleißen vorzeitig auf dem Spaltboden, sie entwickeln keine Abwehrkräfte, sind eher vertraut mit der Spritze des Tierarztes als mit den Kräutern, die in freier Natur wachsen. Nach 2-3 Jahren sind sie verbraucht, während Weidetiere 5-6 mal älter werden können, wenn man sie lässt. Als ich auf der Alm ankomme, begrüßt mich Karina. Auch sie ist zu einem freiwilligen Arbeitseinsatz gekommen. In ihrem Beruf ist sie als Verkaufsdirektorin eines Herstellers orthopädischer Produkte für 17 verschiedene Länder zuständig. Auch ihr ist es wichtig, sich dort zu engagieren, wo in naturnaher Weise Lebensmittel hergestellt bzw. erzeugt werden. Sie führt mich neben Egon in die Arbeit ein. Nach und nach zeigt sie mir, was ich zu tun habe. Sie ist sehr nachsichtig mit mir, versteht, dass ich mich erst gewöhnen muß, da ich diese Arbeit nicht gewohnt bin. Als Egon, der Sennerbauer, mich sieht, schaut er an mir hoch – bei meiner Länge von 1,95 m bin ich vielleicht 30 cm länger als er, vielleicht irritiert ihn aber auch, dass ich so schlank bin. Wie sich später herausstellt, bin ich 1 kg schwerer als er. Sein Versuch, mich auf 90 kg oder mehr zu mästen, mißlingt. Ich genieße das gute Essen und Trinken, aber die Bewegung und körperliche Arbeit führen sogar dazu, daß ich abnehme – und danach dennoch besser bei Kräften bin. Ob er befürchtet, dass mir die Arbeit zu schwer würde? Für mich dagegen stellt sich als Problem dar, dass im Kuhstall Rohre der Melkanlage in relativ niedriger Höhe verlegt sind. Über die Rohre wird von den Melkkannen Luft angesaugt, es entsteht Unterdruck, der für das Melken benötigt wird. Die Rohre hängen oberhalb der Köpfe der Kühe. Ständig stoße ich gegen sie, besonders gegen die Anschlussventile. Schnell ziehe ich mir blutende Wunden am Kopf zu, die bei meinen wenigen verbliebenen Haaren gleich zu sehen sind. Niemand äußert sich dazu. Später trage ich eine Schirmmütze, sie verhindert wenigstens Hautabschürfungen. Für ein nächstes Mal sollte ich mir einen Helm besorgen. Die erste Woche empfinde ich als brutal. Die Höhe setzt mir zu. Das Almgebäude liegt über 1.900 m, das Almgebiet mit den Weiden geht noch einige hundert Meter höher, schnell komme ich außer Atem, beginne zu schwitzen, locke dadurch die Fliegen an. Alles ist fremd, ich muß dies und das lernen, die harte körperliche Arbeit fordert Kraft, aber dann spüre ich allmählich, wie sich mein Körper anpasst, wie die Arbeit leichter von der Hand geht. Ich schwitze nicht mehr, bin für die Fliegen nicht mehr interessant. Die Nachtweide grenzt an das Almgebäude. Morgens geht es meist mit einem Jeep bis zu ihrer Grenze, aber da manche Kühe die Grenzmauer und den Elektrozaun übersteiegn, muß ich zuweilen zu Fuß weiter. Auch ist ein Bach zu überwinden. Mit den Bergschuhen will ich nicht hindurchwaten, riskiere einen Sprung, will einen Stein für einen Zwischenschritt nutzen, rutsche ab – und lande längs im Wasser. War ich bis dahin nicht wach genug, nun bin ich es. Bis zum Frühstück 3 Stunden später steht mir das Wasser in den Schuhen, erst dann ist Zeit, die Schuhe zu wechseln. Schuhe und Wäsche trocknen schnell, zwei blutige Finger erinnern noch einige Tage schmerzend daran. Meist stehen die Kühe schon auf, wenn sie uns kommen sehen. Manche lassen sich höflich bitten, bevor sie sich bequemen, aufzustehen. Sie tun sich schwer, mit ihren massigen Körpern auf die Beine zu kommen, sich hochzuwuchten, erst auf die Vorderbeine und dann auf die Hinterbeine, manche auch andersherum. Bei einigen ist es nötig, gegen ihre Hufe zu treten. Sind sie aber einmal in Bewegung, können sie sehr schnell werden. Die Kühe reagieren sensibel darauf, wie sie behandelt werden. Der Stock ist beim Eintreiben immer dabei, es ist verlockend, ihn einzusetzen, ich scheue aber davor zurück, ich gebrauche ihn, um mich im Gelände abzustützen, versuche, die Kühe mit Gesten und Ansprache zu steuern, mich so zu positionieren, dass sie an mir nicht vorbei können, sondern in die gewünschte Richtung gehen. Meine Länge, die Spannweite meiner ausgebreiteten Arme und mein Zureden sind sicher von Vorteil, und ich merke, wie die Kühe auf Ansprache reagieren. Manche Kühe lahmen. Sie scheinen es zu mögen, wenn ich neben ihnen hergehe, auf sie einrede, zuweilen anhalte, damit sie ein wenig verschnaufen können, bevor es weitergeht. Vor dem Stall steht ein Gestänge. Einmal schaue ich zu, wie eine Kuh darin eingehangen und fixiert wird und eine Klaue mit deiner Schleifmaschine behandelt wird. Hin und wieder wehrt sie sich, zuweile scheint es zu schmerzen, aber danach kann sie wieder einigermaßen gehen und „läuft sich wieder ein“. Zuvor konnte sie kaum noch gehen. Da ist „Schweinchen Dick“. Den Namen bekam sie, nachdem sie einmal in das Almgebäude hineinging und bei einer Kehrtwende im schmalen Flur und anschließend in der Küche einiges Geschirr zu Boden riß. Ihr Stand im Stall ist ganz hinten. Sie scheint es zu genießen, als letzte in den Stall zu gehen, die Blicke der anderen auf sich gerichtet. Alle warten, bis sie da ist, dann erst wird das begehrte Zusatzfutter verteilt. Ob die anderen sich freuen, daß sie endlich kommt, oder sich ärgern, weil sie warten müssen? Ihr scheint es egal zu sein, sie stolziert genüßlich an ihren Platz. Einmal will sich eine Kuh nicht melken lassen. Sobald sich jemand ihr nähert, schlägt sie mit einem ihrer Hinterläufe aus. Als sie Egon eine klaffende Wunde an der Hand zufügt, stelle ich mich neben sie, streichele sie am Hals, rede auf sie ein, versuche sie zu beruhigen. Ich sage ihr, dass ich spüre, dass ihr etwas nicht passt, sie brauche keine Angst zu haben, wir wollen ihr helfen. Ich verspreche ihr eine Extraportion Kraftfutter, wenn sie sich melken lässt. Als ich mich umsehe, bemerke ich, dass Egon die Melkbecher angeschlossen hat. Sie steht ruhig da, als sei nichts gewesen, sie bekommt ihre Extraportion. 1 ½ -2 Tage machen wir das so, danach lässt sie sich wieder ohne Widerstand melken. Sie hatte offenbar Vertrauen in uns verloren – und wieder gewonnen. Da ist Daisy, 2 Wochen alt. Zwei Tage, nachdem ich kam, wurde sie geboren. Hin und wieder darf sie auf die Weide. Ich versuche, sie wieder in den Stall zu holen, ziehe am Halsband, drücke von hinten, fasse sie am Rücken, nichts wirkt. Da halte ich ihr eine Hand hin, lasse sie riechen, streichele sie, bitte sie, mir zu folgen, gehe einfach in Richtung Stall und merke, wie sie mir folgt: Hin und wieder stupst sie mir an ein Bein oder an die Seite. Es ist zeitaufwendig, aber erfolgreich. Tags darauf kommt ein Junge zu Besuch, ca. 10 Jahre alt. Er und Rene spielen mit dem Kalb. Als Daisy wieder in den Stall gehen soll, schlagen und treten sie auf das Kalb ein. Ob es dem Kalb weh tut, weiß ich nicht. Mir aber tut es weh. Florian, der Hirtenjunge, spricht davon, daß es wichtig sei, sich Respekt zu verschaffen. Aber wie: Schlagen? Treten? Schreien? Flüstern? Ich versuche es mit Achtung, Zutrauen, Geduld, Streicheln und Zureden. Ich bemühe Zuwendung und Zeit. Wer hat diese? Als die Jungtiere von der Hochweide geholt werden, wird eine von den anderen nicht angenommen. Ehe sie ihr Futter zu sich nehmen kann, haben es ihr andere entrissen. Ich halte ihr Futter hin, versuche ihr zuzeigen, wo sie das Zusatzfutter aufnehmen kann. In kurzer Zeit ist sie auf mich fixiert, läuft mir ständig hin und her. Vielleicht ist der rohe Umgang auch ein Versuch, die Tiere auf Distanz zu halten, damit sie sich untereinander verstehen? Auf der Alm stehen 50 Milchkühe von vielleicht 20 verschiedenen Bauern. Jeder behandelt seine Kühe anders. Wie ich höre, brauchte es einige Zeit, die Kühe auf der Alm zusammenzubringen, herauszufinden, welche Kühe zusammen passen oder nicht. Die nicht zusammen wollen, bekämpfen sich heftig, stoßen die Köpfe aneinander. Eine Kuh verteilt regelmäßig mit ihren Hörnern Hiebe nach rechts und links. Niemand soll ihr zu nahe kommen. Zwei begrüßen sich regelmäßig mit einer Art Wangenkuß: Die Köpfe senken, sie zur Seite neigen und die Wangen aneinander reiben. Woher die Zeit nehmen, die Kühe ohne Anwendung von Gewalt zu erziehen? Wie kann man die Kühe erkennen und auseinanderhalten? Auf der Alm sind sie nummeriert, die Nummer ist am Rücken aufgesprüht, und ihre Stehplätze sind nummeriert. Normalerweise finden sie ihre Plätze selbst. Für mich sind die Nummern hilfreich, um sie zu ihrem Platz zu führen, und für die wöchentliche Messung der Milchleistung sind die Nummern auch hilfreich. Nach und nach erkenne ich, dass jede Kuh anders aussieht, jede hat ihr eigenes Gesicht, und wenn die Kühe nicht am Gesicht zu erkennen sein sollten, dann am Körperbau, Fell oder am Euter und an den Zitzen. Wundert es da, dass in einem Buch zu lesen ist, dass Kühe mehr Milch geben, wenn sie mit Namen angesprochen werden? Auch soll es sich positiv auswirken, wenn sie regelmäßig geduscht werden und klassische Musik zu hören bekommen. Sie werden dies zu schätzen wissen, eher scheint mir aber, daß sie erkennen, dass sie umhegt werden, daß sie geachtet werden. Die meisten Kühe haben keine Hörner. Immer mehr Bauern gehen dazu über, den Kälbern die Hornansätze entfernen zu lassen. Tierärzte entfernen unter Vollnarkose die Hornwurzeln. (Früher geschah dies ohne Betäubung mittels eines heißen Eisens.) Kühe ohne Hörner sind weniger wehrhaft. Dadurch wird das Verletzungsrisiko für Mensch und Tier verringert. Mir fällt auf, dass die Kühe, denen die Hörner belassen wurden, zumeist aggressiver sind. Offenbar haben sie gelernt, ihre Hörner einzusetzen. Einmal spüre ich eine Hornspitze an meiner Nasenspitze. Wenig nur, aber es hätte auch ins Auge gehen können. Im Stall müssen die Kühe angebunden werden, sonst laufen sie evtl. beim Melken davon, spätestens aber, wenn Zusatzfutter zugeführt wird. Sie gieren danach, es scheint ihnen besonders gut zu schmecken. Wenn ich eine Kuh anbinde, stelle ich mich links neben sie, hole mit der linken Hand die eine Hälfte der Kette aus der Futterkrippe, umarme mit dem rechten Arm die Kuh am Hals, um mit der rechten Hand das 2. Kettenteil aufzunehmen, führe die beiden Kettenteile über dem Hals zusammen und schließe sie. Dabei rede ich auf die Kuh ein, lobe sie. Gegebenenfalls ist es nötig, sie zur Futterkrippe zu ziehen, um sie anbinden zu können. Dabei muß ich aufpassen, dass mir die Kuh nicht auf den Fuß tritt. Als dies zum ersten Mal passierte, tat es höllisch weh, beim zweiten Male kannte ich dies bereits, beim dritten Mal drehte eine Kuh ihren Fuß herum, während sie auf mir stand. Mein kleiner Fußzeh verfärbte sich zusehends und schwoll an. Können hier Sicherheitsschuhe mit verstärkter Kappe so etwas verhindern? Je nach Rasse, Alter und Größe wiegt eine Kuh 500 – 800 Kilo. Wenn eine verstärkte Schuhkappe dem Auftrittgewicht von 200 – 350 kg nicht standhalten kann, biegt sie sich ein und schneidet in den Fuß und kann die Fußzehen abschneiden. Ein unabwägbares Risiko. Ein gequetschter Fußzeh ist das kleinere Übel. Sollte sich eine Kuh auf den Mittelfuß stellen, würde auch eine Stahlkappe wenig nützen. Es tut gut, den Geruch der Kuh zu schnuppern, der Duft von Gras und Kräutern, der sich in ihrem Fell verdichtet. Der Duft hält sich in den Kleidern. Bevor ich zu Hause die letzte Wäsche in die Waschmaschine lege, ziehe ich den Duft noch einmal tief ein, bevor er in der Waschlauge aufgelöst wird. Noch ist es nicht gelungen, Kühe zu züchten, die am Wochenende eine Pause einlegen und keine Milch geben. Sie haben ihren Rhythmus, rund um die Uhr. Da kommt für einen Bauern schnell eine immense Wochenarbeitszeit zusammen. 100 Stunden pro Woche sind das Mindeste, das entspricht 2 ½ Stellen mit je 40 Wochenstunden - für eine Person. Wie hält man dies durch? Von früh bis spät abends dreht sich alle Sorge ums Vieh, die Milch, den Käse. Es gibt keine ruhige Minute, andauernd ist zu tun. Vielleicht ist es im Winter anders? Vielleicht sehnen sich die Bauersleute auf die winterliche Ruhe - und wenn sie eingeschneit sind, warten sie auf den Sommer mit seiner Ruhelosigkeit? Wie schafft man das, tagein, tagaus, rund um die Uhr, zu arbeiten, zu sorgen? Es ist ein Ringen mit der Natur, gegen die Natur, in der Natur. Vielleicht sind es die vermeintlich kleinen Dinge, die wichtig werden: eine bezaubernde Morgendämmerung, ein Glas frische Milch, ein Stück selbst gemachter Käse, ein frisch geborenes Kalb, Kinder, die sich frei bewegen und ihre Phantasie entwickeln können - auch wenn dies zuweilen anstrengend ist, eine kleine Welt mit Partner bzw. Partnerin, Familie, Freundeskreis, Unternehmen. Ist dies wirklich „vermeintlich klein“? Die Kühe reagieren sensibel - sie reagieren so, wie sie behandelt werden und wenn sie sich nicht direkt wehren, dann ganz still, indem sie einfach weniger Milch geben. Von wegen „Dumme Kuh“ - in dieser Bezeichnung spiegelt sich nichts anderes als menschliche Arroganz, die nicht wahr haben will, dass Kühe ihren eigenen Weg suchen, sich zu behaupten, ihr eigenes Wesen haben, vielleicht Selbstbewußtsein? Auf der Alm zeigen sich die Grenzen des Lebens ganz deutlich, liegen eng beieinander. Zwei Tage, nachdem ich komme, kalbt eine Kuh, 2 Tage, bevor ich wegfahre, muß sie getötet werden. Sie hat Schwangerschaft und Geburt nicht verkraftet. Mit 6 ½ Jahren hat sie zum fünften Male gekalbt, bei einer Tragezeit von jeweils 9 Monaten und einer ersten Kalbung mit ca. 1 ½ bis 2 Jahren und einer Milchleistung von bis zu 50 Litern pro Tag. Nun war sie ausgezehrt und entkräftet. Von Tag zu Tag wurde sie schwächer, ihr Labmagen hatte sich bei der Geburt verdreht, sie litt an Verstopfung, es kam eine Infektion hinzu. Sie war so krank, dass sie nicht mehr geheilt werden konnte. Es mag sein, daß sie als Schwarz-Bunt-Gescheckte auf der Alm überfordert war oder dem ständigen Produzieren-müssen erlegen ist. Gibt es kein Dennoch, keine Möglichkeit, auch solche Tiere unter solchen Umständen zu halten? Vielleicht ein immer wiederkehrender Versuch, der Natur das letztlich Mögliche abzutrotzen? Sie starb auf einem Viehanhänger, getötet mit einem Bolzenschußgerät. Der Knall des Schusses und das Geräusch ihres Aufpralles auf dem Wagenboden gingen ineinander über, ihr Augen-Blick blieb erstarrt stehen. Mir schien, als würde die Zeit stehen bleiben. Zwei Tage danach sagt der Bauer, er kann sich nicht vorstellen, dass sie nun auf dem Müll liegt, verbrannt werden soll. Er würde gerne anders, aber eine Kuh, die keine Milch mehr gibt oder nicht mehr kalben kann, kostet nur Geld. Woher soll das kommen? Wären wir bereit, für jeden Liter Milch einen Rentencent für pensionierte Kühe zu geben? Zwischenzeitlich kommt die Meldung, dass ein Kalb von der Hochweide abgestürzt sei. Wieder ist es eine von Egon Tieren. Egon muß zur Fundstelle, den Absturz dokumentieren, die Ohrenmarken entnehmen, um den Absturz bei der Versicherung anzumelden, und den Kadaver mit Steinen abzudecken. Als er zurückkommt, ist er sehr schweigsam. Das Tier stürzte fast senkrecht ca. 250 Meter hinab und kullerte über mehrere hunderte von Metern hinunter und wurde dabei regelrecht zerrissen. Es wird ihm deutlich, dass er sich noch so sehr mit seinen Schwarz-Bunt-Gescheckten bemühen kann, doch wenn eine solche Kuh auf eine glatte Felsplatte tritt oder am Rande eines Abgrundes ins Leere tritt, kann das ihren Absturz und Tod bedeuten und dagegen ist er machtlos. Egon hat die Glocke des Kalbes mitgebracht. Die gußeiserne Glocke zeigt deutliche Spuren. Später versucht er, sie zu richten. Mit dem Klang ist er nicht zufrieden. Er hört einen Misston - ich vermute, sie wird ihn, so wohl sie auch wieder klingen mag, immer an den Absturz erinnen, an den Verlust des Tieres, den Anblick des toten Tieres und an seine Grenzen. Es ist selbstverständlich, dass die Kinder dabei sind, ganz gleich, was geschieht. Sie sind in der Küche dabei, in der Käserei, im Stall, auf der Weide. Sie sind bei der künstlichen Besamung der Kühe dabei, beim Kalben und beim Einschläfern. Sie werden vertraut gemacht mit dem, was zum Leben dazu gehört. Rene beobachtet aufmerksam Doris, die kurz vor dem Kalben steht. Für sie ist es das erste Mal. Er sagt mit seinen 8 Jahren, so als sei er ein erfahrener Bauer, sie müsse sich daran gewöhnen, es sei ja das erste Mal. Es klingt fast so, als würde er als erfahrener Frauenarzt etwas erklären und um Verständnis bitten. Mit seiner Kopfbewegung bekräftigt er, was er sagt. Sonntagmorgen in der Käserei. Es ist Zeit, den Käse zu brechen. Käsekultur und Lab haben die erwärmte Rohmilch zur Käsemasse verändert. Egon und Karin ziehen die Käseharfe, ein Drahtgestell mit senkrechten Streben, durch die Käsemasse. Sie bewegen die Harfe senkrecht und waagrecht, langsam, hochkonzentriert, sie gehen ganz darin auf. Das Käsebrechen braucht Kraft und Konzentration, es darf nicht zu langsam und nicht zu schnell geschehen. Es ist eine andächtige, fast mystische Atmosphäre. Die Veredelung der Milch ist die Fortführung der Alm-, Weide- und Stallarbeit, aber hier ist es nicht duster und schmutzig und lärmend laut. Boden und Wände sind gefliest und gekachelt, die verschiedenen Geräte und Werkzeuge und der Boden werden ständig mit kochend heißem Wasser sauber gehalten. Während Egon und Karin einander die Harfe zuführen, versuche ich zu fotografieren, doch im feucht-warmen Klima beschlägt das Objektiv. Die Bilder, die entstehen, sind verschleiert, aber sie passen zu der Stimmung. Die Stimmung prägt sich mir ein. Durch die Melkzeiten bekommt der Tag eine feste Struktur. Ich brauche mich nicht um alltägliche Dinge zu kümmern, die Zeit und Energie beanspruchen: Einkaufen, kochen, putzen, waschen und Wäsche bügeln. Es wirkt befreiend, sich an einen gedeckten Tisch zu setzen, unbeansprucht von Telefon, Handy, Post, E-Mails. Was fehlt, ist eine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Es entsteht eine Ahnung von einem beschaulichen Leben. Freilich ist mir bewußt, daß andere für mich einkaufen und kochen und alles verrichten, was mich entlastet. Hin und wieder eine Waschmaschine füllen und die Wäsche aufhängen, bleibt hierbei belanglos. Die Wiederholung des Regelmäßigen, das Entsorgt-sein und Versorgt-sein von und mit Alltäglichem entlastet, wirkt befreiend. Ich hoffe, daß ich mit meiner Arbeit die anderen entsprechend entlaste, ein wenig zumindest. Mir wird bewußt, was an Arbeit und Mühe eingebracht wird, um Milch und Käse zu erzeugen. Die Kühe werden überlistet. Was sie davon mitbekommen, ist nicht zu erkennen. Sie grasen und kauen wieder, sie lassen zu, was mit ihnen gemacht wird. Sie werden versorgt, gemolken, gefüttert, gepflegt - und geben den Rhythmus vor. Es ist eine gegenseitige Abhängigkeit. Sie strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, reagieren aber sehr wohl darauf, wie sie behandelt werden und können ihre Kraft zeigen. Es ist eine eigenartige Souveränität, die von ihnen ausgeht. Da können 50 Kühe eine Stunde im Stall stehen und jede gibt ihre Milch, vielleicht muß eine zwischendurch urinieren oder Kot lassen, aber wenn sie wieder freigelassen werden, schießt es aus allen heraus, als müßten sie sich befreien von dem, was ihnen nicht passt und sie strömen nach außen, ins Freie, auf die Weide, ins Ungebundensein. Derzeit protestieren bei uns in Deutschland Milchbauern, da Großabnehmer den Milchpreis drücken - angeblich, weil es die Verbraucher verlangen. Was soll da helfen? Unbestritten ist, daß zuviel Milch produziert wird, unbestritten auch, daß die Strukturen der Milchproduktion weit auseinandergehen. Auf der einen Seite gibt es Bauern, die naturnah mit Weidehaltung Milch produzieren und insbesondere in den höheren Mittelgebirgen und im Alpenraum keine Alternative zur Milcherzeugung haben. Andererseits gibt es Großbauern, die trotz Alternativen auf Milch setzen, und in industrieller Weise Milch erzeugen. Eine Begrenzung der Milchmenge würde keinem helfen, sie würde auch nur nutzen, wenn sie deutlich reduziert würde. Ein Festpreis wäre nur Anreiz, noch mehr zu produzieren. Als Ausweg bietet sich an, neue Absatzmärkte zu erschließen - ohne dabei anderen den Markt zu nehmen. Oder aber die Bauern, die Alternativen haben könnten, dazu zu bringen, umzusteigen. Solange aber z.B. Bauern verwehrt wird, Energie zu erzeugen, weil dadurch Umbauten nötig wären, die das typische Landschaftsbild und das typische Aussehen eines Bauernhofes in der Landschaft verändern, bleibt hier wenig Hoffnung. Aber jeder einzelne Verbraucher ist gefragt: Brauchen wir wirklich H-Milch, die uns als wertvolle Milch verkauft wird, obwohl sie keinen Gehalt mehr hat und deswegen auch nicht verderben kann - ein Abfallprodukt, mit dem Molkereien nichts mehr anfangen können? Schädlich ist sie nicht - aber sie richtet insofern Schaden an – oder wir richten mit ihr Schaden an - weil sie uns daran hindert, richtige, gehaltvolle Milch zu trinken – weil wir uns daran hindern. Brauchen wir wirklich den Quark oder Joghurt mit diversen Früchten? Können wir uns nicht selbst den Naturquark oder –joghurt selbst mit Früchten zubereiten? Wir wissen wenig davon, wie Nahrungsmittel produziert und erzeugt werden. Wir wissen wenig von ihrem jeweiligen Gehalt und Nutzen. Es darf alles nichts kosten, muß gut und billig und schnell verfügbar sein. Geht das überhaupt? Stehen diese Fertigprodukte nicht auch für eine Lebensweise, die meint, alles er-kaufen zu können oder zu müssen?...3 Wochen auf der Alm haben mir deutlich gemacht, was an Arbeit, Sorge und Sorgfältigkeit gegeben sein muß, um gesunde Nahrungsmittel in einem naturnahen Prozeß zu erzeugen - und was dies für einen Preis hat. Die Bauern sind rund um die Uhr beschäftigt und eingespannt. Lohnen wir es? Es hat mir auch bewußt gemacht, wie weit wir als Verbraucher entfernt sind. Es ist einfach, seine Lebensmittel an der Theke im Supermarkt zu „ernten“, zu sammeln und zu jagen. Indem wir immer mehr wollen, zu immer geringeren Preisen, kaufen wir uns arm. Wieso sind wir nicht bereit, angemessene Preise zu zahlen? Ist uns eigentlich klar, welchen Preis wir wirklich zahlen, nämlich letztlich mit eingeschränkter Lebensqualität, weil uns der Bezug zu dem, was wir essen und trinken, verloren geht? Wir bedienen uns aus einer Fülle, brauchen letztlich doch nur wenig, wir wähnen uns reich und sind dennoch arm. Es hat gut getan, sich der "ganz anderen" Welt auf der Alm auszusetzen, sich einzulassen auf eine eigenartige Zusammenarbeit von Mensch und Kuh, sich herausfordern zu lassen und zu sehen, wie sich bei Achtung der Natur eine Haltung entwickelt, die eine Distanz zum alltäglichen erzeugt und zu schätzen lernt, was mit relativ einfachen Mitteln erreicht werden kann. Ich weiß nun mehr als je zuvor zu schätzen, was hinter jedem Glas Milch, jedem Stück Butter oder Käse, jedem Becher Joghurt, steckt. Und ich schaue dankbar auf zu den Kühen und zu den Menschen, die dafür sorgen.
Dezember 2009, Gottfried Schnall