Als Erntehelfer in Südtirol
Von München, mit dem Auto, drei Stunden in südliche Richtung und wir sind in Südtirol. Von diesem wunderschönen Land ist nur Gutes zu berichten. Der Speck, der Käse, der Wein, die Menschen, die Landschaft. Natürlich ist es herrlich, dort seinen Urlaub zu verbringen! Bei einer Bergwanderung, in 1500 m Höhe, kommen wir an einem Bergbauernhof vorbei und freuen uns auf eine Brotzeit oder Marende, wie es im Südtirolerischen heißt. Wir haben Pech, niemand ist daheim, es ist Hochsommer und Heuernte. Alle sind bei der Arbeit, das Heu einzubringen. Alle, wer sind diese „Alle“? Zwei Brüder bewirtschaften den Hof, Franz und Hermann. Der eine, Hermann, kümmert sich um die Tiere und das Haus. Der Andere, Franz, der Chef vom Hof, ist für alles Andere zuständig. Er mäht die Wiesen, fährt das Heu ein. Die Wiesen liegen vom Hof zu Fuß zwischen 20 bis 45 Minuten auf einer Meereshöhe von 1600 bis 1800 m entfernt. Viele dieser Wiesen haben eine Steigung oder Gefälle, je nachdem von welcher Richtung man es betrachtet, von ca. 45 bis 50%. Woher weiß ich das alles? Ich war in diesem Jahr mit Barbara, meiner Partnerin, eine Woche als Erntehelfer auf einem solchen Bergbauernhof bei freier Kost und Logis.
Vom Verein für Bergbauernhilfe waren wir eingeteilt. Es war kein Urlaub, es war für uns, die nicht unbedingt etwas mit Landwirtschaft zu tun haben, eine anstrengende Arbeit. Einfügen in den Alltag der Bergbauern von morgens 6 bis abends 20 Uhr ist eine Herausforderung. Wir beide bereuen jedoch keine Minute, die wir dort auf dem Hof mitarbeiten durften.
Ich möchte ein paar Eindrücke dieser Woche schildern. Der Hof, der auf einer Meereshöhe von 1500 m im oberen Vinschgau, nahe der Schweizergrenze liegt, ist ca.700 Jahre alt und immer im gleichen Familienbesitz. Zum Hof gehören 15 Kühe, 40 Schafe mit Lämmern, 8 Ziegen, 4 Schweine, 12 Hühner und der Hund Bubi. Weiterhin ein Obst- und Gemüsegarten, ein kleiner Kartoffelacker und ca. 8 ha steilste Wiesen, die sich bis auf eine Höhe von 1800 m erstrecken. Die Bauern sind Selbstversorger und leben überwiegend vom Verkauf ihrer Milch. Jetzt, von Juni bis August, müssen diese Wiesen gemäht und das Heu im Stadl verstaut werden. Der Winter ist lang und die Tiere fressen täglich bis zu 250 kg von diesem Heu. Einer der Brüder ist ausschließlich für die Tiere zuständig, während der andere, Franz, die Wiesen bearbeitet, sich um den kleinen Maschinenpark kümmert und schaut, dass ausreichend Brennholz für das ganze Jahr vorhanden ist, denn es wird ausschließlich nur mit Holz gekocht und geheizt. Alle weiteren anfallenden Hausarbeiten erledigt er auch.
Die Bergbauern in Südtirol, es gibt noch ca. 300 Höfe, sind gleichzeitig auch Landschaftspfleger. Denn wer, wenn nicht sie, würden diese Wiesen bearbeiten und die müssen bearbeitet werden, sonst würde sich die Landschaft in diesen Bergtälern völlig verändern. Für Hermann beginnt der Tag um 5 Uhr mit melken und füttern. Der andere Bauer, Franz, steht um 6 Uhr auf, macht Feuer in der Küche, legt seine Geräte zurecht, die er auf der Wiese benötigt und bringt die Milch vom Morgen und Abend mit dem Traktor 4 km zum Milchwagen ins Tal. Ich, der Erntehelfer, stehe ebenfalls um 6 Uhr auf und miste den Stall. Fünf Karren Mist habe ich bis 6:30 Uhr aus dem Stall gebracht. Jetzt steht auch Barbara auf, wir beide bereiten das Frühstück. Halbacht, Franz ist aus dem Dorf mit der Zeitung und der Post zurück, treffen wir uns alle in der Küche und frühstücken miteinander. Der Tagesablauf wird besprochen und der Wetterbericht im Radio gehört. Es gibt noch eine Schwester, Isabella, sie wohnt im Tal und arbeitet in einem Altenpflegeheim. Zur Heuernte nimmt sie Urlaub und hilft ihren Brüdern. Ausgerüstet mit Rechen, Sensen, Heugabeln und einem Korb Proviant steuern wir die erste Wiese an. Ein Teil davon ist schon gemäht, Franz erledigt diese Arbeit bis in den späten Abend.
Vor unserer Anreise war überwiegend schlechtes Wetter, also keine Möglichkeit die Wiesen zu bearbeiten. Die Erntehelfer, also wir, werden auf Höfe vermittelt, dort, wo die Arbeitsbedingungen besonders schwierig sind. Wir, Barbara und ich, hatten am ersten Tag große Schwierigkeiten auf den steilen Wiesen Halt zu finden. Blasen und Gelenkschmerzen waren am Abend die Folge. Die Arbeit in einer so herrlichen Natur entschädigt alles. Nach einer gewissen Zeit bringt die Arbeit für uns Städter sogar eine gewisse Beruhigung und Ausgeglichenheit. Hier erhält der Begriff „Tagwerk“ wieder Bedeutung, es wird nur soviel gearbeitet, wie an einem Tag geschafft wird. In regelmäßigen Abständen werden Pausen eingelegt. Man isst, trinkt viel, bei 30 Grad, nur reines Quellwasser und redet miteinander. Wir erhalten das Gefühl, gehören dazu, sind keine Fremden mehr. Auf dem Hof angekommen, es ist 18:00 Uhr, noch ist nicht Feierabend. Während Barbara und die Schwester das Abendessen vorbereiten, gehe ich in den Stall. Wieder, wie am Morgen, fünf Karren Mist entsorgen und den Stall sauber machen. Einer der Brüder melkt und füttert. Franz geht noch zum Mähen auf eine der vielen Wiesen. Um neun Uhr wird gemeinsam zu Abend gegessen, dann geduscht und um zehn Uhr fallen wir Erntehelfer todmüde ins Bett. Die beiden Bauern bereiten noch die Arbeit für den nächsten Tag vor.
Am nächsten Morgen um 6:00 Uhr wird ein Kalb geboren. Alles lief ohne Probleme, sogar ohne Tierarzt. Das von Franz gemähte Gras vom Vorabend muss bis zum Nachmittag trocknen, erst dann kann es mit dem Heulader in die Scheune gebracht werden. Um die Stunden bis zum Mittagessen zu nutzen, habe ich 40 Kilo Johannisbeeren im Garten gepflückt, die von der Schwester und Barbara gleich zu Saft und Marmelade verarbeitet wurden. Bei diesem herrlichen Wetter wird jede Sekunde genutzt. Auf Wiesen, die so steil sind, dass Franz dort nicht mehr mit dem Heulader fahren kann, verschnürt er das Heu in einer Plane, trägt diese 90 Kilo zu einem der Heustadl, die auf den Wiesen stehen. Dort verbleibt das Heu bis zum Winter. Es sind Notrationen, die mit dem Schlitten geholt werden, wenn das Heu in der Hausscheune nicht ausreicht. Zwei Kühe der Bauern verbringen den Sommer für drei Monate auf einer Alm in 2200 m Höhe. Der Senn, der dort auch nur kurze Zeit verbringt, muss täglich zweimal 60 Kühe melken. Aus der Milch wird Käse und Butter hergestellt. Es ist eine Geste und Dank, dass der Bauer, der seine Kühe für einige Zeit dem Senner überlässt, aus dem eigenen Garten Obst und Gemüse auf die Alm bringt. Käse und Butter ist die Gegenleistung des Senners. Am Sonntag ist für alle ein freier Tag. Der Bauer lud uns ein, mit ihm rauf zur Alm zu fahren. Mit dem Traktor ging es die 7 Kilometer in 30 Minuten zur Alm. Es war eine Ehre für uns, mitfahren zu dürfen. Beim Senner bekamen wir eine zünftige Almbrotzeit. Einen Krug frische Milch, Butter, Almkäse und selbst gebackenes Brot. Butter, die wir Stadtmenschen in dieser Qualität nicht mehr kennen. Das alles konnten wir beim schönsten Wetter vor der Hütte genießen. Nach 10 Tagen fiel uns der Abschied vom Polsterhof, so der Hofname der beiden Brüder, wirklich schwer. Für uns Erntehelfer war es eine arbeitsreiche und anstrengende Woche. Kein Urlaub in Südtirol, aber eine wunderschöne Zeit, an Erfahrungen reicher geworden und trotz der vielen Arbeit innerlich sehr glücklich. Barbara und ich haben wunderbare liebe Menschen kennengelernt. Wenn es unsere Gesundheit und Kraft zulässt, helfen wir im nächsten Jahr wieder bei der Heuernte. Danke, Franz, Hermann und Isabella für Eure Gastfreundschaft.
Sommer, Juli 2010
Conny Hoffmann & Barbara Schwarzfischer
Anzing / Rimsting