„Der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze (VFA) setzt sich für Bergbauernfamilien in Südtirol ein, die ihre Heimat unter schwierigen Bedingungen bewirtschaften. Er vermittelt freiwillige Helfer, um Bergbauern bei der Ernte, im Haushalt, bei der Betreuung von Kindern sowie älteren und behinderten Menschen zu helfen und zu unterstützen.
Die Mitarbeit der Freiwilligen ermöglicht den Bauernfamilien, weiterhin auf ihren Höfen arbeiten und leben zu können. Den Helfern hingegen erschließt sich eine unvermutete Welt, in der harte körperliche Arbeit, der Dienst am Nächsten und ein Leben in Ruhe und im Einklang mit der Natur tiefe Zufriedenheit und Freude hinterlassen.“
So lautet die Beschreibung des Vereins und der Tätigkeitsbereich auf der Internetseite. Im Winter habe ich eine Dokumentation im Fernsehen über die Arbeit gesehen und gedacht: dass wäre doch mal was. Kurzerhand habe ich ein Hilfegesuch im Internet gestellt. Kurze Zeit später rief mich Fr. Thaler vom Verein an und sie hat mich genauer über meine Beweggründe befragt, warum ich Interesse habe. Andere Menschen kennen lernen, eine Gegend in Europa kennen lernen, in der ich noch nicht war und dabei ein gutes Werk tun. Mal richtig rein hauen, vor Ort sein. Es kamen per Mail 5 Steckbriefe von Höfen und ich wählte den Obertarnell-Hof auf dem Nörderberg bei Laas aus. Warum die Wahl richtig war kommt später noch.
Es sollte alles konkret geplant sein, mein Zeitwunsch passte auf die Zeit der Heuernte. Auch die An- und Abfahrt musste konkretisiert werden, weil für diesen Zeitraum die Versicherung des Vereins greift. Alles hat seine Ordnung...
Nach einem Telefonat mit Fr. Platzer konnte die Zeit auf den 23.06. - 07.07.2010 geplant werden. Brauchen würde ich nix, wenn möglich, Handtücher mitbringen.
Planung
Was brauch ich für 2 Wochen in den Bergen? Ist es kalt? Warm? Gummistiefel? Regensachen? Stabile Schuhe war klar. Hab ich zu wenig dabei? Zu viel? Wie funktioniert das mit der Autobahnmaut? Es geht durch Österreich und Italien... Google hilft, doch der Routenplaner bringt mich nicht weiter. Sonst führten mich meine Fahrten in den Norden Deutschlands.
Realisation
22.06.2010. Die Sachen sind gepackt und im Auto verstaut. Nochmal Anruf bei den Platzer´s. Den Weg zum Hof erklären lassen. „Nicht über die Rohre, sondern weiter durch den Wald fahren...“. Okay. Merk ich mir... Im Internet hab ich nochmal geschaut, sieht ganz einfach aus...
23.06.2010
Es geht los. Mein Weg (das Navi hilft, wohlgemerkt), führt mich über Ulm, Füssen. Die ersten Berge sind zu sehen. Österreich kommt auf mich zu. Reutte in Tirol. Dann weiter über den Fernpass (179) .Wie war das mit der Maut? Ich hab dem Navi gesagt, keine Mautstraßen benutzen. Kurz vor Imst setzt es aus. Wo jetzt weiter. Dann ein Schild: ASFINAG! (Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft).
Mautpflichtige Straße, die Inntalautobahn. Ich komm grad noch auf die Tankstelle und informiere mich über das Pickerl. Die Dame empfiehlt mir 2 10-Tages-Vignetten. Okay. Angeklebt. Und wegen dieser kurzen Strecke ist Mautpflicht. Heidenei. Weiter auf der 180 Richtung Nauders. Über den Reschenpass weiter nach Italien. Ohhhhh, die Berge...
Am Lago di Resia (Reschensee) eine kleine Rast. Über Malles Venosta (Malles im Vinschgau), Glorenza (Glurns) und Sluderno (Schluderns) weiter nach Lasa (Laas). Ein kleines Städtchen an der Etsch. Es ist alles 2-sprachig. Wie praktisch. So. Es sind hier jetzt überall Berge. Wo ist meiner? Tarnello ist angeschrieben. Später nicht mehr. Ich fahr der Nase nach. Und dann geht’s nur noch bergauf. Auweh, mei Autole muss aber schnaufen. Wo sind die Rohre? Ach ja, da. Nicht drüber. Es geht weiter bergauf. Aber wie. 1 ½ Straßenbreite. Links geht’s nur nach unten. Hoffentlich kommt mir jetzt keiner entgegen. 2 Schilder. Links ist die „Weiterfahrt verboten“ und rechts „Privatbesitz“. Egal wo ich fahr: es ist nix erlaubt. Mein Autole schnauft. Runter will ich eigentlich nicht mehr. Aber mir bleibt nix anderes übrig. Also doch über die Rohre und fragen. Ein freundlicher Bauer weißt mir den Weg wieder zurück: nach oben. Da steh ich erstmal und versuch, die Platzers telefonisch zu erreichen. Es geht aber niemand ran. Da kommt ein Fahrzeug. Den halt ich an und frag nach dem Weg. Hier ists richtig. Der Erntehelfer? Prima. Mir nach. Also doch auf den Privatbesitz. Erstmal viele Kühe, die von der Weide in den Stall getrieben werden. Ein großes Hallo mit der Bauersfamilie.
Ich werde durch das Haus geführt. Ich habe ein Zimmer mit Balkon. Ringsrum Berge.
Arbeit gibt es genug auf dem Hof. Von Litzen aufrollen (erst mit der Maschine, dann von Hand) über Zäune ab- und wieder aufbauen, natürlich die Heuernte, mit großen und kleinen Rechen, auf allen erdenklich flachen und meist steilen Wiesen, den Stadl füllen, das eingefahrene Heu gut im Stadl verstauen (staubig, aber macht Spaß), Messer der Balkenmäher ausbauen, schleifen, wieder einbauen, Morgens die Kühe auf die Weide treiben (wenn se doch mal hören würden, die Viecher), Abends wieder zurück in den Stall (das geht einfacher), der Bauer schneidet im Moos die Stauden (Büsche), ich rechl sie zusammen. Es gibt aber auch genug Zeit zum Rasten (Pause machen). Fr. Bittner vom VFA kommt aus Bozen auf Besuch, ob auch alles Okay ist. Sonntags geht’s in die Messe. Wohlgemerkt, der Sonntag ist Frei. „Am siebenten Tag sollst du Ruhen“. Nicht nur zum Kraft tanken, sondern auch um schöpfungsgemäßes Leben zu praktizieren. Ein Ausflug nach Meran, eine schöne Stadt. Leider gefällt es meinem Autole nicht so, es überhitzt. Der Bauer kümmert sich um eine Werkstatt. Diagnose: das Lüfterrad der Motorkühlung ist fest gefressen. Aber die Werkstatt richtet es. Alles geht wieder.
Die Bauersfamilie kümmert sich rührend um alles. Ich werde bestens versorgt. Es fehlt an nichts. Ich fühle mich wohl und denke, da kommt jemand Fremdes und wird so liebevoll aufgenommen. Es ist nicht selbstverständlich. Die Schwestern des Bauern kommen, wenns geht, zum helfen. Alle ziehen an einem Strang. Schön, zu sehen, dass es funktioniert. Der Neffe des Bauern ist mit auf dem Berg, hilft mit, wo er kann. Und er kann. Die Eltern des Bauern, die auf dem Hof mit leben und vor allem -arbeiten, beziehen bald ihre neue Wohnung im Erdgeschoss. Es ist alles schön hergerichtet.
07.07.2010
Nach 2 Wochen mache ich mich auf den Heimweg. Etwas Wehmut macht sich bei mir breit. Ich fahre, aber die Menschen auf dem Hof gestalten weiter ihr Leben, dass sich an der Jahreszeit, an den Tieren, an der Arbeit orientiert.
Ich werde für die Fahrt aufs beste vorbereitet. Mein Proviantsäckel ist voll. Speck, Mila-Joghurt, Marmelade, Käsewecken, Südtiroler Wein (nicht für die Fahrt).
Resümee
Ich hab seit langem nicht mehr so geschwitzt. Es bildeten sich Blasen an meinen Händen, die sich nach gut einer Woche Zuhause in Hornhaut verwandeln. Die Arbeit war „streng“ (anstrengend), aber es hat Spaß gemacht, der Familie auf dem Hof zu helfen und ein Stück Weg mit ihnen zu gehen. Zu helfen, wo ich nur kann. 2 Wochen Mit-Arbeiten, Mit-Leben, Mit-Beten. Und wir haben es fast geschafft, in der Zeit das Heu einzubringen. Aber ich hab auch was mitgenommen: das Gefühl, in einer wunderschönen Landschaft mit abendlichem Alpenglühen, mit lieben Menschen, die Tag und Nacht für den Hof da sind, in täglich neu erstrahlendem Sonnenschein die Arbeit wieder aufzunehmen und trotzdem ein soooo frohes Herz haben. Davon kann ein Städter wie ich nur lernen. Obwohl ich nicht in der Stadt aufgewachsen bin. Aber nach 7 Jahren in der Großstadt wird man wohl als Städter bezeichnet.
Es war nicht das 1. und letzte Mal, dass ich mich auf diesen Weg gemacht habe. Ganz bestimmt... Und ich hab ja auch noch den Löffel der Bäuerin, den sie mir für den Joghurt mitgegeben hat, für die Fahrt. Schicken soll ich ihn nicht, wenn, dann persönlich in einem Jahr wieder bringen...
Stefan Vollert
Stuttgart