Frankfurter Rundschau August 2010

Knecht im Glück

Heu machen am Steilhang. Das ist knochenharte Arbeit für Rüdiger Löwegrün aus Braunschweig. Er hilft den Breitenbergers – Südtiroler Bergbauern, die unverschuldet in Not geraten sind und ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Lohn bekommt er keinen, aber Kost und Logis.
Rauch. In dichten, grauen Schwaden zieht er den Waldrücken hinauf. Aus den Blicken der Bauern spricht Furcht: die Kinder, die Alten, der Hof, die Tiere! Alles, woran ihr Herz hängt, in Gefahr. Heinrich Breitenberger (48) lässt die Sense ins Gras fallen. „Oh Gott!‘‘, ruft seine Frau Ilse (36) und presst ihre Hände fest gegen die Brust. Im Ultental beginnen die Sirenen zu heulen. Der Bauer reißt seine Tasche auf, greift nach dem Handy, wählt die Nummer vom Hof, zittert, vertippt sich, „hach“, weiter. Er wählt, es surrt. Sekunden wuchern zu einer gefühlten Ewigkeit. Die sonnenverbrannten Gesichter der Bauern haben ihre Farbe verloren, über Stirn und Wangen rinnt Schweiß hinab. Haben die Buben mit Feuer gespielt? Hat sich das Heu selbst entzündet? Im vorigen Sommer war die Hitze im Stadl schon einmal auf 70 Grad geklettert, trotz neuen Gebläses. Endlich, Großmutter Walburgas Stimme. „Und?“, ruft Ilse. Heinrich streichelt ihr über die Schulter: „Nicht unser Hof.“ Die Bauern setzen sich ins Gras, mitgenommen, erleichtert, sie schließen die Augen, atmen tief durch. Die Luft duftet nach frisch gehauenen Gräsern, Blumen und Kräutern. Grillen zirpen ringsum, unweit stürzt ein Bach ins Tal, Wind rauscht durch die Wipfel der Fichten und Tannen. Das Paradies am Berg – unten im Tal die Hölle. Die Flammen werden zwei Häuser und Ställe mitsamt dem Vieh verschlingen, die Existenz zweier Familien in Schutt und Asche brennen. „Ein schauderhafter Wahnsinn“, sagt Ilse immer wieder. „Die armen Leute.“ Dann aber plötzlich, keine fünf Minuten sind vergangen, greift sie nach ihrer Sense, richtet sich auf. Auch ihr Mann, ihr ältester Sohn Julian (16) und Erntehelfer Rüdiger Löwegrün (63) stehen auf. Wortlos arbeiten sie weiter. Die Sonne sticht – ideales Wetter fürs Heuen, da wird jede Minute genutzt. An heißen, trockenen Sommertagen arbeiten die Breitenbergers bis zu 18 Stunden; da gibt es keinen Kirchgang und kein Beinehochlegen am Sonntag.

Jungbauer Heinrich ist durch eine Luke im Stadl gestürzt und hat sich schwer verletzt

Ihre Gedanken sind fast immer beim Heu, dem Futter der Kühe. Das Prinzip ist einfach: Geht es den Tieren gut, kann auch die Familie leben. Mit Milch verdienen die Breitenbergers ihr Geld. Bis in den Oktober hinein mähen sie nach und nach das Gras auf ihren 13 Hektar großen Wiesen, lassen es trocknen und fahren es ein. Dabei hilft die ganze Familie. Weil das aber nicht reicht, sind die Bauern froh über Helfer, die im Stall mitarbeiten, im Haushalt und auf den Wiesen. Manchmal betreuen die Freiwilligen auch die Kinder oder sie kochen, bügeln, putzen. Sie helfen beim Holzholen und bei der Obsternte, machen Marmeladen und Säfte. Vor allem aber werden viele kräftige Hände bei der Heuernte gebraucht, denn an den extremen Hanglagen können die Bauern kaum Maschinen einsetzen. Rüdiger Löwegrün packt einen Monat lang mit an. Der Frührentner aus Braunschweig hat Schneid, strotzt vor Energie. „Ein zäher Bursche“, sagt Bäuerin Ilse. Er hilft freiwillig und ohne Lohn bei allen Arbeiten, die anfallen. „Ein kommoder Knecht“, lobt Altbauer Rudolf. So, wie es der 78-Jährige sagt, klingt es nicht abschätzig. Vielmehr spürt er, dass Rüdiger eine echte Stütze ist. Der Deutsche ist einer von circa 1.600 Menschen, die jedes Jahr nach Südtirol reisen, wenn Bergbauern unverschuldet in Not geraten sind. Sei es durch einen Unfall, Krankheit oder einen Todesfall. Seit 1996 schickt ein Verein aus Bozen Helfer auf inzwischen 270 Höfe. Im vergangenen Jahr brachten es die Freiwilligen auf 12.112 Einsatztage. Die Breitenbergers brauchen Hilfe, weil sich Heinrich vor drei Jahren schwer verletzt hat. Durch eine Luke im Stadl fiel er drei Meter tief; beim Aufprall brach ein Brustwirbel. Monatelang konnte sich der Bauer nicht mehr bewegen. Noch heute hat er starke Schmerzen. Beim Hauen des Futters keucht er. Früher hat ihm diese Arbeit Freude bereitet, heute quält er sich damit. Wenn er seinen Oberkörper dreht, jagen ihm Stiche durch den Leib, er verzieht das Gesicht, beißt auf die Zähne. Wenn sich die Sense im Brombeergestrüpp verfängt, stöhnt er auf. „Es ist nicht mehr so gut wie früher“, sagt er, während er die Klinge schärft, „aber es könnte schlimmer sein.“ Punkt Zwölf ist Mittagessen! Der Bauer hat Hunger und das macht ihn froh, denn lange Zeit hatte er brustabwärts überhaupt kein Gefühl mehr. Heinrichs Mutter – „Oma Heidi“ (87) – stellt Reis, Rindfleisch und frisches Gartengemüse auf den Tisch. Salat essen alle gemeinsam aus einer großen Schüssel. Der Brand ist jetzt das Thema: Jeder denkt an die Unglücklichen und jeder fühlt noch die Furcht um den eigenen Hof. „Alles, was du dir ein Leben lang aufgebaut hast, geht einfach so in Flammen auf.“ Ilse schüttelt den Kopf. Kaum haben die Bauern aufgegessen, gehen sie nach draußen, schauen durch ein Fernrohr, sehen Dutzende Feuerwehrmänner in den Ruinen. „Da ist nichts übrig geblieben, eine Katastrophe.“ Überm Tal liegt eine gewaltige Rauchwolke, die jedem den Geruch von verbranntem Holz in die Nase ziehen lässt. Noch am Vorabend erschien das Ultental als Heidiland. Auf dem Tumpfhof der Breitenbergers oberhalb des Dorfs Sankt Nikolaus war das Heile-Welt-Bild perfekt: Die teils 500 Jahre alten Holzhäuser schmiegen sich an den steilen Berg. Der Blick schweift hinab zum smaragdgrün glitzernden Zoggler See und hinüber zu schneebedeckten Alpengipfeln. Der Hof ist umgeben von Wiesen und Wäldern – ein Postkartenidyll auf 1.600 Metern Höhe. Die nächste Stadt, Meran, liegt gefühlt weit mehr als nur eine Autostunde entfernt. Wer den Weg zu den Bergbauern findet, begibt sich auf eine Zeitreise, in eine Welt ohne lnternet, Skype, Twitter und Facebook. Es ist aber auch eine teils noch archaische Welt wie in Büchners Lenz. Manchmal reißt das Leben in der Abgeschiedenheit Wunden, die nicht verheilen. Geschichten von kaputten Ehen und innerlich zerrissenen Menschen gibt es zuhauf. Das Leben der Bauern ist knüppelhart.

Die Milch bringt guten Ertrag, aber die Kosten für Futter und Maschinen sind auch hoch

Auch für die Breitenbergers. Tante Berta (75) liegt seit kurzem im Spital. „Der ganze Körper verkrebst, Endstadium“, sagt Ilse. „Wir überlegen, ob wir sie heimholen sollen – aber jetzt beim Heuen? Ich kann nicht die ganze Zeit neben Ihr am Bett sitzen.“ Schon heute bleibt kaum Zeit für die Familie. Ihr Jüngster, der fünfjährige Michi, nutzt jede Gelegenheit, um sich an seine Mutter zu kuscheln. „Komm her, mein Knuschi-Buschi, ist schlecht, wenn die Mama den ganzen Tag weg ist, ja?!“ Ilse nimmt ihn auf den Schoß. Er nickt und küsst sie, „da bleibt einem ja ganz die Luft weg“. Ohne freiwillige Helfer wie Rüdiger Löwegrün wüssten die Breitenbergers nicht, wie sie die ganze Plackerei schaffen sollten. Arbeiter bezahlen, das können sie nicht. „Geld ist Mangelware“, sagt die Bäuerin. „Das Überleben ist schwierig, weil die Preise im Keller sind – es gibt Billigwaren von A bis Z“, ärgert sie sich. Immerhin: Für die Milch ihrer Kühe vergibt der Sennereiverband Südtirol Bestnoten; deshalb gibt es Höchstpreise zwischen 45 bis 50 Cent pro Liter. Rund 110.000 Liter Milch liefern die Kühe im Jahr. Auf den ersten Blick bringt das eine hübsche Geldsumme. Aber die Kosten für Tierfutter und Maschinen fressen mehr als die Hälfte davon. Von dem, was übrig bleibt, leben zwölf Menschen. In der „Welt da draußen“ haben viele Hilfsarbeiter mehr für sich allein. „Am besten gar nicht darüber nachdenken, sonst ärgerst du dich grün und blau“, hakt Bauer Heinrich das Thema ab. Rüdiger Löwegrün kennt die Sorgen der Breitenbergers inzwischen sehr gut; er ist zum zweiten Mal bei der Familie und fast schon ein Freund. „HeIfer wie Rüdiger haben es geschafft, uns aus dem Loch herauszuholen“, sagt Ilse.

Monika Thaler vom Verein Freiwillige Arbeitseinsätze in Bozen bringt Bauern und Helfer zusammen. Mit Fragebögen und intensiv geführten Interviews versucht sie für jeden das Passende zu finden. Die junge, zierliche Frau geht dabei durchaus energisch und streng vor. Der Erfolg gibt ihr Recht: Die Abbrecherquote bei den Helfern ist verschwindend gering. Denn auch die Bauern bekommen von ihr eingetrichtert: Es muss ein Miteinander auf Augenhöhe geben, um für beide Seiten das Beste herauszuholen. Manche Freiwillige kommen mit großen Erwartungen in die Bergwelt. Sie suchen das ursprüngliche Leben, wollen sich selbst in der Natur wiederfinden. Falls Rüdiger Löwegrün derlei Gründe haben sollte, versteckt er sie gut. Er zieht die Schultern nach oben und sagt: „Ich wandere seit vielen Jahren sehr gern in Südtirol und die Bauern erhalten den Charakter dieser Gegend, deshalb helfe ich ihnen, als Knecht auf Zeit.“ Er schmunzelt. Gerade verteilt er das frisch geerntete Heu im Stadl; Akkordarbeit mit Bäuerin Ilse. „Die schuftet wie ein Viech, Hut ab!“, sagt der Helfer. Mit Mistgabeln stechen sie in den Heuberg hinein, verteilen alles. Der Staub, den sie dabei aufwirbeln, ist so dick, dass ihn jeder auf der Zunge schmecken kann. In der Dusche wird er später als braune Suppe im Abfluss verschwinden.

Schmerzende Hände, aber glücklich – die Helfer haben viel Ballast im Tal gelassen

Am nächsten Morgen fährt die Bäuerin in ihrem AlIrad-Audi zügig eine Serpentine zu einer Bergwiese hinauf. Im Radio spielen sie Evergreens wie Nana Mouskouris „Weiße Rosen aus Athen“ und Boney Ms „Sun of Jamaica“. Ilse dreht lauter, der Rhythmus gefällt ihr. In Griechenland oder auf Jamaika war sie noch nie. Die Breitenbergers kennen keinen Urlaub, sie waren noch nicht einmal auf Hochzeitsreise, aber das stört sie nicht. Manchmal knapsen sie ein paar Stunden vom Arbeitstag ab, um mit den Kindern auf eine Alm zu wandern – Ferien im Zeitraffer – zwischen den unverrückbaren Fütter- und Melkterminen. „Es klingt vielleicht altmodisch, aber der Hof ist unser Ein und Alles, unser Leben, wir lieben es so“, sagt Ilse später auf der Wiese. Wer ihr zuhört, dabei die Berge im Blick hat, den frischen Heuduft einatmet und die warme Sonne auf der Haut spürt, der fühlt sich fast selbst daheim in den Bergen. Ulrike Berninger will auch gar nicht mehr weg. „Ich habe so viel Ballast im Tal gelassen, hier oben fühle ich mich frei, ich lebe einfach“, sagt die Verlagsangestellte aus Bad Kissingen. Zwei Wochen hat sie auf dem Nachbarhof der Breitenbergers mitgelebt, mitgeschuftet. Ihre Hände voller Schwielen zeigen, dass sie keinen Urlaub beim Bauern genossen hat. Die Wunden schmerzen, aber die 51-Jährige jammert nicht. Im Gegenteil: Sie ist froh über das Erlebnis. Nun weiß sie, wieviel Arbeit hinter einem Stück Butter oder einem Liter Milch steckt. In ihrem Bürojob muss Ulrike Berninger oft viele Aufgaben auf einmal bewältigen, dabei klingelt das Telefon, ploppen Mails am Bildschirm auf. Immer sind da Stress, Unruhe, der gedrückte innere Alarmknopf. Auf dem Berg kann sie sich stets ganz auf eine Aufgabe konzentrieren. Das macht sie zufrieden. Jeder Tag bei den Bauern ist ein bisschen anders und doch folgen sie einem festen Muster. Das gibt Halt. Rüdiger Löwegrün packt auch hach zehn anstrengenden Stunden auf den Wiesen abends um sechs noch kräftig an. Vor dem Nachtmahl schaufelt er im Stall den Mist der Tiere weg. Altbauer Rudolf füttert das hungrige Vieh. In einer Ecke grunzen die Schweine, bis sie ihren Weizenheubrei in den Trog bekommen, den sie schmatzend schlabbern. In einer anderen Ecke gackern die Hühner, picken nach Körnern. Auch Gitti, Greta, Karin und die 12 anderen Milchkühe warten auf Futter. Ihr lautes Muhen verrät Ungeduld. über ihnen sitzen Schwalben auf einer Leine. Sie haben es einfacher, brauchen nur ihre Schnäbel öffnen, um Fliegen zu fangen. Ilse Breitenberger wischt den Kühen mit feuchten, sauberen Tüchern über die Zitzen, bevor sie Trichter darüber stülpt, die sich festsaugen und Milch aus dem Euter pumpen, „pfftpfftpfft“. Rüdiger fährt mit einer Karre voll Mist an ihr vorbei. Sie sieht ihm nach. „Bald verlässt uns unser Rüdiger wieder“, sagt sie und zieht an ihrer Zigarette. Ihr Vater ahnt: „Ohne ihn müsse‘ mir wieder a bissele früher anfangen, bissele länger machen.“ Im Nachbarhaus, nur einen Steinwurf entfernt, ist Ulrike Berninger schwer ums Herz, als sie ihre Taschen packt. „Ich habe ein bisschen Angst, wegzufahren.“ Morgen reist sie ab. Sie wird mit sich kämpfen müssen, um nicht zu weinen beim Abschied, „die Leute waren so herzlich zu mir“. Sie richtet sich auf: „Im nächsten Jahr komme ich wieder, ganz bestimmt!“ In ihrer Stimme klingt etwas Sehnsüchtiges mit. Wiederkommen soll auch Rüdiger Löwegrün. Das wünschen sich die Breitenbergers. Und, wird er? Was wird er tun? „Das werden wir sehen“, sagt er ganz trocken, den Blick auf die Berge gerichtet. Sein Lächeln verrät, dass er sich schon entschieden hat.

Von Marcel Burkhardt

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