Healthy living Oktober 2009

 Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe. Und verdammt viel Mist. Als ich mich freiwillig für einen Arbeitseinsatz bei einer Bergbauernfamilie in Südtirol meldete, dachte ich, ich wüsste, was auf mich zukommt. Schließlich habe ich als Kind viel Zeit auf Bauernhöfen verbracht — mein Vater war Landtierarzt. Aber so viele Kuhfladen hatte ich nicht in Erinnerung.

An meinem ersten Morgen auf dem Gsalhof darf ich noch ausschlafen und treffe mich erst um acht Uhr mit Luis und Annemarie Tappeiner zum Frühstück in ihrer gemütlichen Küche. Mit meiner großstädtischen Hektik kann ich das gar nicht richtig genießen. Denn ich möchte endlich die Kolleginnen von „Goliath‘ kennenlernen: Den Ochsen hatten wir gleich bei meiner Ankunft hier am Sonnenberg im Vinschgau zum Metzger gebracht. Denn wenn Tappeiners schon runter ins Dorf fahren, um freiwillige Helfer vom Bahnhof abzuholen, kombinieren sie das gerne mit anderen Erledigungen. Das spart Zeit und Geld.

Eine Woche lang werde ich jetzt im urigen 1000 Jahre alten Bruchsteinhaus leben. Die Wände sind teilweise 8o Zentimeter dick, durch die kleinen Fenster (nur in meinem Zimmer sind bodentiefe Panoramafenster eingelassen) strahlt ab mittags die Sonne ins Haus. Die Vorderseite des Hauses ist dreistöckig, alle hinteren Räume sind in den Berg hinein gebaut. So gibt es auch im zweiten Stock Kellerräume — ungewohnt für mich Flachländerin. Vor der Küche treffe ich auf die beiden jüngsten Bewohner des Gsalhofes: zwei graugestreifte Kätzchen von ungefähr zehn Wochen, die mit ihrer großen, ausgewachsenen Schwester um die Zitzen der Katzenmutter buhlen.

AUCH BÜGELN GEHÖRT ZUM BAUERN-ALLTAG

Mein erster Arbeitseinsatz: bügeln. Bügeln? Ich hatte eher typische landwirtschaftliche Tätigkeiten wie Holz hacken, Zäune reparieren und Kühe melken erwartet. Aber klar, auch waschen und bügeln gehört zum Arbeitsalltag auf einem Bauernhof. Und so bügle ich Schürzen und Hemden, hänge Arbeitsanzüge zum Trocknen auf, sortiere Socken und falte T-Shirts, während Annemarie per Telefon und Internet die Bestellungen für den hausgemachten Joghurt und Käse regelt. Nachmittags nähere ich mich bäuerlichen Tätigkeiten: Ich ernte mit Annemarie Sellerie und pflücke die letzten Bohnen von den Sträuchern, aus denen wir dann einen köstlichen Salat für das Abendessen zubereiten.

Dann erst, um halb sechs am Abend, lerne ich endlich das Vieh kennen. Gemeinsam mit Luis und einer hysterisch bellenden „Kyra“ hole ich die Kühe von der extrem steilen Wiese. Kyra hat ihre Ausbildung zum Hütehund noch nicht abgeschlossen — sie macht die Tiere im Moment jedenfalls noch eher nervös. Aber dank Luis‘ ruhigen Lockrufen trotten dann doch alle Tappeiner Kühe mit prallen Eutern in Richtung Stall. Während Annemarie und Luis melken, soll ich Schweine- und Kälberställe ausmisten, Heu verteilen und die Kätzchen sowie „Goliaths“ kleine Brüder mit frischer Milch versorgen.

Das Ausmisten mit dem Verschlag der beiden kleinen Kälbchen anzufangen, scheint mir eine super Idee zu sein. Wenigstens bis zu dem Zeitpunkt, da das Altere in mir eine potenzielle Spielgefährtin ausmacht. Mit vielleicht sogar sanft gemeinten Kopfstößen fordert mich das Kalb zum Kräftemessen auf. Es ist zwar erst ein paar Monate alt, sein Kopf reicht mir aber schon bis zum Bauchnabel. Ich habe einfach keine Chance gegen diese Naturgewalt. Und offensichtlich hat sich meine Stimme panisch überschlagen, als ich mich mit einem Hüpfer über das Absperrgitter in Sicherheit bringe.

Denn plötzlich steht mir Luis hilfreich zur Seite und zeigt mir, wie ich die Kälber in Schach halten kann: ein ordentlicher Stoß mit dem Schieber zwischen die Hörner, und schon machen sie bereitwillig Platz.

Dieser Schieber wird auch sonst mein wichtigstes Werkzeug in den nächsten Tagen, weil er eigentlich dazu da ist, Kuhfladen auf Schaufelgröße zusammenzuschieben. Dank „Lilli“ und ‚Marlen“, den beiden Schweinen, die meine Anwesenheit nicht die Bohne stört, verläuft der Rest meines ersten Ausmiste-Einsatzes dann ruhig und ohne weitere Vorfälle.

WIE WECKT MAN EIGENTLICH EINE KUH?

Als ich Annemarie beim Abendessen von meinem Kampf mit dem Kalb berichte, lacht sie. Wir sitzen in der Küche — diesmal mit Besuch: Angelika, meine Aushilfsvorgängerin, möchte ihrem Mann zeigen, wo sie im vergangenen Sommer so viel über sich und das Leben gelernt hat. Für Annemarie ist spontaner Besuch kein Problem. Das Menü wird dann einfach um einen Pasta-Gang erweitert. Was häufig nötig ist; ich lerne in einer Woche noch vier weitere ehemalige Helfer kennen. Tappeiners wissen die Hilfe zu schätzen: Je höher die Höfe liegen und je steiler die Berghänge sind, desto häufiger muss noch manuell gearbeitet werden.

Zur Feier des Tages gibt es heute hofeigenen Joghurt. Die Käserei steht für mich morgen auf dem Programm. Allerdings erst nach der Stallarbeit. Und diesmal gibt es keine Schonfrist: Um sechs Uhr werde ich im Stall erwartet. Und da ich auf dem Weg noch die Kühe wecken soll, klingelt der Wecker um 5:45 Uhr — gefrühstückt wird später. Mich plagt jedoch kein Hunger, sondern nur der Gedanke: Kühe wecken? Wie geht das? Ich weiß, dass alle Kühe nach dem Aufwachen ihr Geschäft erledigen müssen, und damit das nicht erst beim Melken im Stall passiert, sondern noch im Hof, wo sie die Nacht verbringen, soll ich sie rechtzeitig wecken. Nur: Warum habe ich gestern nicht gefragt wie man eine Kuh wach kriegt?

Ich taste mich durch die alte Scheune, weil ich auch vergessen habe, wo der Lichtschalter ist, und nehme den abschüssigen Weg zum Hof. Da liegen sie und schlafen. Ich spreche freundlich aber laut zu ihnen und klopfe auf große, warme Hinterteile: „Hoch mit euch, ich musste auch schon so früh raus!‘ Und tatsächlich: Sie stehen auf — eine nach der anderen — und erledigen brav ihr Geschäft. Ich bringe mich im Stall vor den Spritzern in Sicherheit. Kälber- und Schweineställe ausmisten, wie gehabt, Aber jetzt kommt noch der Hof dazu. Zehn Kühe, je ein Fladen à 2,5 Kilogramm abends, zwei pro Nacht, einer morgens, sind insgesamt 1oo Kilo. Kann das stimmen?

Nach ungefähr einer Stunde wird mir flau im Magen. ich habe bestimmt schon sieben volle Schubkarren auf den Misthaufen hochgewuchtet. Ohne Frühstück so hart zu arbeiten bin ich nicht gewohnt. Annemarie empfiehlt mir einen Becher Milch - noch kuhwarm. Das hilft nicht nur, sondern erinnert mich auch an meine Kindertage. Halbwegs gestärkt schaffe ich, auch die restlichen Haufen und Karren noch. Dann schnell die Gummistiefel und den Arbeitsanzug ausziehen und ab ins Haus. Der Kaffee duftet,

Kräutertee aus selbst gesammelten Schlüssel- und Ringelblumen, Brennnesseln, Salbei, Minze und Rosenblättern steht auf dem Holzofen, dazu gibt es Vinschgauer Fladen

— ja, auch das Brot hat hier Fladenform — mit leckerem Kümmel und köstlicher Marmelade. Nach vier dicken Scheiben Brot esse ich, noch ein großes Müsli mit hausgemachtem Joghurt, dann gebiete ich mir Einhalt. So viel habe ich noch nie gefrühstückt! Das macht mir ein bisschen Angst. Aber gleich nach dem Essen gibt es wieder Gelegenheit zum Kalorienverbrauch: Wäsche ab- und neue aufhängen, dann geht es in die Käserei. Tappeiners haben das neue Gebäude mit Käserei und Stall vor etwa zehn Jahren gebaut — inklusive eines Schlafzimmers für sich selbst, weil manchmal nachts die Temperatur für den Käse geprüft werden muss. Da wäre der Weg vom alten Haus über den Hof zu weit.

Eigentlich wollte Luis kein Bauer werden, er wollte es als Winzer versuchen. Aber dann wurde der Vater krank, und er musste als Ältester von zehn Kindern einspringen. Nur frische Milch im Tal abzuliefern war ihm aber nicht genug, daher die Käserei. Luis und Annemarie sind zufrieden mit ihrem arbeitsreichen Leben. Wenn es anders wäre, „würden wir einfach die Tür zumachen und gehen. Allein, dass der Hof seit 250 Jahren in Familienbesitz ist, hält uns nicht hier“.

Die Arbeit in der Käserei ist vor allem nass. Wir züchten unseren Freiwilligen Schwimmhäute an“ sagt Annemarie und lacht, als sie mir erklärt, wie ich alle Förmchen und Eimer möglichst heiß und gründlich zu spülen habe. „Käse machen ist nicht schwer, putzen schon“, lautet die Devise. Joghurt und Camembert dürfen sich nicht gegenseitig impfen, deshalb ist auf akribische Sauberkeit zu achten. Haarnetze sind natürlich Voraussetzung. Ich schrubbe und bürste annähernd 100 Käsesiebe mit extrem heißem Wasser, das durch einen kleinen Holzofen erhitzt wird. Zwischendurch muss ich Holz für den Ofen holen — und mich vorher und nachher jedes Mal umziehen. Währenddessen ist der Camembert von vergangener Woche zu einer Delikatesse herangereift. Unter Annemaries Anleitung verpacke ich die zwischen 200 und 400 g schweren Stücke, die sich in meiner Hand wie Samt und Seide anfühlen. Manche werden vorher mit einer Kräutermischung „gepudert“, alle bekommen ein Etikett, das über Herkunft und Haltbarkeit Auskunft gibt. Anschließend müssen die neu abgefüllten Ansätze für den Camembert gewendet werden. Das erfordert einiges Geschick, damit sie keine Dellen bekommen oder zerbrechen. In meinen Händen verunglückt keiner. Stattdessen ruiniere ich aber einen kompletten Satz Etiketten für den Himbeer-Joghurt; dummerweise habe ich das Haltbarkeitsdatum nicht vom Camembert auf Joghurt umgestellt. Also müssen alle Etiketten wieder runter und neue drauf.

Abends am Tisch nicke ich fast ein. Ich kann nicht mal mehr telefonieren und schaffe es gerade noch, meinem Mann und meinen Töchtern eine SMS zu senden. Das Buch, das ich mitgebracht habe, bleibt im Koffer. Es ist ein ganz warmes, friedliches Gefühl, so weit weg von allem zu sein. Ich schlafe wie ein Stein.

SCHNEE IM SEPTEMBER HIER OBEN GANZ NORMAL

Am nächsten Tag müssen die Käsesiebe erneut gespült werden, denn die Camemberts lagern jetzt im Reifeschrank. Während ich im heißen Wasserdampf stehe, fängt es draußen an zu schneien — im September! Doch der Schnee bleibt nicht liegen, zumindest nicht bei uns auf dem Gsalhof. Für die höher gelegenen Höfe und Weiden dagegen ist ab jetzt Winter.

Nachmittags beim Kühereinholen gibt es Probleme: Drei Nachbarkühe haben sich zu unseren zehn gesellt und mischen die Herde auf. Immer wenn ich ein paar von ihnen in Richtung Stall bugsiert habe, biegt eine ab und fängt wieder an zu grasen. Weil Kühe Herdentiere sind, trotten die anderen hinterher. Die Weide ist groß und steil, ich bin nach einiger Zeit völlig außer Atem und dem Ziel trotzdem kein Stück näher. Ich beschließe, die drei störrischen Nachbarkühe einfach ihrem Schicksal zu überlassen und mich nur um unsere zu kümmern: Es klappt!

Der nächste Morgen beginnt - endlich! — mit Sonnenschein und einer traumhaften Kulisse vor meinen Panoramafenstern. Ich darf bis sieben Uhr liegen bleiben, weil Verstärkung im Anmarsch ist; aus München kommen zwei Wochenendhilfen. Während ich das Frühstück vorbereite, freue ich mich schon auf meinen heutigen Auftrag: Hagebutten pflücken. Annemarie und Luis machen daraus Wein. Mit Handschuhen bewaffnet pflücke ich alle rotleuchtenden Büsche hinter dem Haus leer. Was Spaß macht, aber allzu ertragreich ist die Ernte nicht. Nachmittags habe ich zwei große Eimer gefüllt, die ich dann in der kleinen Laube im Sonnenschein von Blüten und Stielen befreie. Die Kätzchen springen um mich herum, ich genieße die Stille und die Sonne. Abends melke ich zum ersten Mal eine Kuh. Luis stellt mir den Schemel neben die „Nussa“: „Das ist unsere Kinderkuh, weil das Melken bei ihr so einfach ist.“ Und tatsächlich schaffe ich es, einen Becher bis zur Hälfte zu füllen - mit Schaum! „Beim Melken muss es schäumen, sonst ist‘s kein Melker“, sagt Luis. Toll!

Am Sonntag haben wir frei — nach der Stallarbeit. Dies ist auch der Erholungstag für Annemarie und Luis — Urlaub gibt es nicht, aber „sonntags haben wir meist Zeit,

und dann laufen wir ein paar Stunden durch die Berge. Das ist unsere Freizeit“. Mich reizen die Gipfel drumherum auch, aber ich habe überhaupt keine Bergerfahrung. Was dazu führt, dass ich nach zwei Stunden strammen Aufstiegs mit dem wandererfahrenen Helfer Franz am Ende meiner Kräfte bin. Aber es ist eine tolle Belohnung, im Neuschnee auf dem Gipfel des Kortscher Jöchl zu verschnaufen. Wieder unten angekommen zittern die Knie, aber ich bin glücklich. Am Abend dusche ich zum letzten Mal den Kuhstall ab und bin fast traurig darüber, dass ich morgen früh zurück in mein anderes Leben fahre, Jeder Handgriff, alles, was man hier tut, hat eine so unmittelbare Bedeutung, ist so verbunden mit der Natur!

Mit Joghurt, Wurst und Käse im Gepäck mache ich mich auf den Heimweg. Zum Glück habe ich 13 Stunden Zugfahrt vor mir, um meine Gedanken zu sortieren. Trotzdem fühle ich mich in den ersten Tagen zu Hause seltsam fremd. Die Eindrücke hallen nach: dieses Gefühl tiefer Zufriedenheit nach getaner Arbeit zum Beispiel. Ich verstehe, dass man diese Art Urlaub nicht nur einmal macht. Auch ich werde wiederkommen.

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So 12.9
12 - 26
Mo 13.9
12 - 27
Di 14.9
14 - 26