Landwirt - Oktober 2018

Ackern statt die Schulbank drücken

Heuen, putzen, Essen kochen – solche und ähnliche Arbeiten auf Bergbauernhöfen tauschen alljährlich Schüler der Fachoberschule für Landwirtschaft in Auer mit ihrem Schulalltag. Der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze ist froh um diese geübten Helfer.

VON ANDREA DÜCHTING

Einmal im Jahr zieht Lehrer Paul Oberrauch durch die Klassenräume der Fachoberschule für Landwirtschaft in Auer, um die Zusammenarbeit der Schule mit dem Verein Freiwillige Arbeitseinsätze (VFA) des Südtiroler Bauernbundes vorzustellen. Die Oberschule unterstützt den Verein seit rund 15 Jahren. Das Schulprojekt wurde einst von Gerold Koppelstätter, Vizedirektor der Schule, initiiert und koordiniert, nachdem er selbst im Einsatz als Erntehelfer war und begeistert zurückkehrte. Heute koordiniert Paul Oberrauch das Projekt. Dabei erhalten Schüler und Schülerinnen der dritten und vierten Klasse die Möglichkeit, in der vorletzten Schulwoche vor den Sommerferien Erfahrungen als Erntehelfer zu sammeln. Paul Oberrauch erklärt: „Die Schüler, die oft selbst von einem Bergbauernhof kommen, lernen so andere Realitäten als die bekannten kennen. Realitäten, die auch schon mal schwieriger sein können.“

Kein Zuckerschlecken

Eine Woche arbeiten statt die Schulbank drücken. Hört sich gut an, doch ein Zuckerschlecken ist das keineswegs! Die Zusage als Erntehelfer ist verpflichtend, denn die Bergbauern und -bäuerinnen sind auf die zusätzlichen Hände angewiesen und verlassen sich auf die Unterstützung durch die Schüler. Spezielle Vorkenntnisse sind für den Einsatz als Erntehelfer nicht notwendig. Prioritäten und Wünsche können beim Verein Freiwillige Arbeitseinsätze zwar abgegeben werden, ob sie berücksichtigt werden können, ist allerdings nicht garantiert. Denn die helfenden Hände werden überall dringend gebraucht. So kommt es auch schon mal vor, dass man auf einem Hof landet und völlig neue Tätigkeiten kennenlernt. So erging es beispielsweise Petra Obkircher aus Karneid, die von zu Hause mit Jungtieren und der Aufzucht von Milchkühen vertraut ist, aber im Passeiertal auf einem Hof mit Milchziegen landete. „Das war schon ungewohnt am Anfang“, sagt die Schülerin. Um sechs Uhr standen wir auf, um 90 Milchziegen zu füttern und zu melken. Dann wurden sie auf die Alm getrieben. Abends um 17 Uhr haben wir sie wieder zusammengetrieben und zum Melken an ihren Platz in den Stall zurückgebracht. Eine anstrengende Arbeit, wenn man die Steilhänge bedenkt.“ Petras Hof war nur über eine kleine Seilbahn erreichbar, andere Höfe über kleine Zufahrtsstraßen. Wieder andere blieben erst mal völlig unerkenntlich, wie bei Hansjörg Pfattner aus Latzfons, der mit seinem Schulkameraden Michael Ploner aus Taisten im Nebel am Hof ankam und erst am nächsten Morgen die Steilhänge und benachbarten Täler im Passeiertal entdeckte. Vor der anstrengenden Arbeit an den Steilhängen hatten jedenfalls alle Schüler/-innen großen Respekt.

Herzliche Aufnahme

Die Gastgeber auf den Bergbauernhöfen freuten sich über die erfahrenen Erntehelfer und nahmen die Schüler, die Anfang Juni 2018 je zu zweit zum Einsatz an einen Hof kamen, herzlich auf. Man merkte schnell, dass die jungen Helfer bereits viel Wissen und Erfahrungen mitbrachten, egal ob beim Heuen, beim Umgang mit Heugabel, Sense und Rechen oder beim Füttern der Tiere. „Der Bauer hat gesehen, wie ich die Heugabel angefasst habe und meinte nur, er bräuchte mir gar nichts mehr erklären. Ebenso bei der Sense, um das Gras an den Wegränder, zu mähen“, erinnert sich Daniela Kofler aus dem Sarntal, die auf einem Hof in Prad am Stilfser Joch arbeitete.

Vor allem Handarbeit gefragt

Oft tauschten sich Bergbauern und Schüler über das Wirtschaften an anderen Höfen oder über das Erlernte an der Schule aus. Dabei gestalteten sich der Arbeitstag ebenso wie di Tätigkeiten von Hof zu Hof verschieden: Einige Schüler arbeiteten mehr im Stall bei den Tieren, während andere eher im Haushalt aushalfen. Hühnerställe wurden ausgemistet, Lampen und Stallfenster geputzt, Zäune aufgestellt, Feuerholz gestapelt, Gemüsegärten gepflegt und Essen für die Familie gekocht. Geheut wurde in der Zeit nur wenig, denn das Wetter Anfang Juni war in vielen Teilen Südtirols noch zu schlecht. In den tieferen Lagen, wo Maschinen genutzt werden können, wurde gemäht, wurden Heuballen gepresst und zum Hof gebracht, erzählt Georg Gruber aus Aldein, der auch im Einsatz in Prad am Stilfser Joch war. „Abgelegene Höfe kenne ich schon, aber die Zugangsstraße war doch sehr steil, kurvig und eng für einen Transporter. An den Steilhängen, wo Maschinen kaum genutzt werden können, ist vor allem Handarbeit gefragt.“ Er erzählt weiter, wie sie das Gras auf der Suche nach Rehkitzen abgelaufen sind, um zu verhindern, dass die Rehkitze durch die Mähmaschine verletzt werden. Trotz schlechten Wetters wirkten die Bergbauern zufrieden, Arbeit gab es stets ausreichend: „Man muss es halt so hinnehmen, das Wetter. Oft ist weniger mehr“, zitiert Hansjörg den Bergbauern seines Einsatzhofes.

Höfe als Teil unseres Kulturgutes

Die Schüler betonten die Offenheit der Gastgeber, die sie zum einen in ihrem Haus aufnahm und zum andern ihre Sorgen mit ihnen teilten. Schnell wurde klar, dass viele auf die Erntehelfer angewiesen sind, weil sonst die viele Arbeit nicht zu bewältigen ist. Daniela erzählt auch von dem Gästebuch, das es an ihrem Hof gab. Die darin festgehaltenen Rückmeldungen der bisherigen Erntehelfer waren stets positiv – beeindruckt von der anstrengenden Arbeit, die die Bergbauern und -bäuerinnen leisten. Michael und Hansjörg betonen die Bedeutung der Bergbauernhöfe, die zum Bild Südtirols gehören. „Wenn die Höfe nicht mehr bewirtschaftet werden, verliert Südtirol einen Teil seines Kulturgutes und seiner Kulturlandschaft. Unsere Unterstützung ist wichtig, und man gibt sie gerne“, meint Michael. Schwierig wurde es ab und an schon mal mit der Sprache. Heugeräte im Passeiertal heißen nun mal anders als im Pustertal oder in Aldein. Und wenn man im Sarntal von acht Uhr spricht, ist damit längst nicht acht Uhr morgens gemeint, wie Daniela im Vorgespräch mit der Bergbäuerin feststellte: „Wir hatten die Ankunft für Sonntag um acht Uhr ausgemacht, und ich merkte irgendwann, dass wir von unterschiedlichen Uhrzeiten sprachen: acht Uhr in der Früh und 20 Uhr am Abend.“ Doch dieses Missverständnis wurde unmittelbar ausgeräumt und schnell geklärt.

Viel Hilfsbereitschaft und Solidarität

Zurück an der Oberschule in Auer ist Paul Oberrauch überzeugt, dass die Erfahrungen im Einsatz für die Schüler in vielerlei Hinsicht hilfreich sind. Hierzu gehören sicherlich die Steilhänge, die alten Maschinen, die viele Handarbeit, aber auch die familiäre oder finanzielle Situation an den Bergbauernhöfen, welche die Bergbauern dazu zwingen, um Erntehelfer anzufragen. Die schwierigen Ausgangsbedingungen schrecken die Jugendlichen nicht ab, im Gegenteil, es herrschen große Hilfsbereitschaft und Solidarität. Wenn auch die Zahlen der Schüler von Jahr zu Jahr variieren, mal sind es zehn bis 15 Schüler, mal 25 bis 30, und viele kommen im nächsten Jahr wieder. Denn man ist sich einig, dass der freiwillige Arbeitseinsatz sehr interessant, eine tolle Erfahrung, eine gute Sache ist, erst recht, wenn man dabei jemandem helfen kann. Georg ist überzeugt, dass „man sieht, wie anstrengend die Arbeit auf Bergbauernhöfen sein kann und dass die Bauern mit viel Einsatz auch im steilen Gelände recht gut wirtschaften können. Wenn man die Möglichkeit hat, sollten alle mal so einen Einsatz machen“.

Wieder mehr freiwillige Helfer

An die Rekordjahre 2014 mit über 2400 Helfern oder 2016 mit immerhin noch 2366 Freiwilligen konnte der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze im heurigen Jahr mit 2014 Freiwilligen nicht anknüpfen. Aber gegenüber 1988 Helfern im letzten Jahr steigt die Zahl jener, die Bergbauern bei der Arbeit auf den Feldern, im Stall, im Haus oder bei der Betreuung von Kindern, alten und kranken Menschen unterstützen wieder leicht an. Die Einsatztage stiegen gegenüber dem Vorjahr von 19.202 auf 20.027 und liegen damit nicht weit von den Rekordwerten der vergangenen Jahre entfernt.

Deutsche Helfer weit vorne

Nach wie vor kommen drei von vier Helfern aus Deutschland, der Anteil der Südtiroler liegt bei 15 Prozent – und damit um vier Prozentpunkte höher als im Vorjahr. Besonders fleißig waren Freiwillige aus dem Bezirk Bozen, sie machen etwa 27,7 Prozent der einheimischen Helfer aus. Aus dem Pustertal stammen knapp 24 Prozent der Helfer. Jeder fünfte Südtiroler Helfer kommt aus dem Eisacktal. Frauen und Männer machen je etwa die Hälfte der Freiwilligen aus. Erfreulich ist auch, dass junge Menschen zunehmend Gefallen an der Arbeit auf einem Bergbauernhof finden: Insgesamt 3,5 Prozent mehr Junge (1990 und jünger) haben auf einem Bergbauernhof ausgeholfen.

 

Leicht angestiegen ist die Zahl der Bergbauern, die um einen freiwilligen Helfer angesucht hatten. Waren es im letzten Jahr 308, sind es im heurigen Jahr 315. Zum Vergleich: Vor zwei Jahren leisteten Freiwillige auf 348 Höfen einen Einsatz nur gegen Kost und Logis ab. Auch hier ist die Verteilung nicht einheitlich: Während sich fast jeder dritte Hof im Vinschgau befindet, haben die Bauern im Eisacktal mit 12,2 Prozent und im Bezirk Bozen mit 6,4 Prozent weniger Bedarf an einem freiwilligen Helfer.

 

Ein Lied als Dankeschön

Einige der Freiwilligen waren heuer auf dem Hof von Margit Kaserer aus dem Martelltal. Sie hat im letzten Winter ihren Mann durch eine schwere Krankheit verloren. Sie hat in einer sehr bewegenden Rede stellvertretend für alle Bäuerinnen und Bauern den freiwilligen Helfern für ihren Einsatz gedankt. Über seine Erfahrungen als Freiwilliger hat Tobias Enzl ein Lied geschrieben, das erstmals bei der Erntedankfeier vorgestellt wurde. Darin beschreibt Enzl den arbeitsreichen Alltag eines Bergbauern und drückte damit seine Anerkennung für die Leistungen der Berglandwirtschaft aus. Unter dem Link http://bit.ly/enzianmusic kann man sich das Lied auf YouTube anhören. Dass auch 2018 für den Verein Freiwillige Arbeitseinsätze ein erfolgreiches Jahr war, unterstrich in seiner Rede VFA-Obmann Georg Mayr.

VideoErleben Sie jetzt das Video vom Arbeitseinsatz.
Mi 19.12
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Do 20.12
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Fr 21.12
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