Passauer neue Presse Oktober 2009

Wer das ganze Jahr am Schreibtisch sitzt und sich mal so richtig verausgaben möchte, wer die Natur und die Berge liebt und sich für nichts zu schade ist, wer gerade im Begriff ist, seinen nächsten Sommer- oder Herbsturlaub zu planen und sich überlegt, ob es im nächsten Jahr nicht mal Südtirol sein darf, der sollte es vielleicht Christa und Hans Bermann gleichtun.

„Es soll ja keiner glauben, dass das Urlaub war“,erzählt Hans Bermann und strahlt übers ganze Gesicht, weil ihn allein die Erinnerung an das, was er in den acht Tagen auf der Hochalpe in Stuhls bei Moos im Passeier Tal geleistet hat, noch heute stolz macht. Im wirklichen Leben ist der 53-Jährige beim Zoll in Passau beschäftigt und sitzt eigentlich mehr am Schreibtisch, aber so ein richtiger Stubenhocker ist er natürlich nicht „Darf man auch nicht sein, wenn man an den Berghängen mithalten will“, wissen er und seine Frau Christa, die jetzt schon zum zweiten Mal bei der Bergbauernhilfe in Südtirol im Einsatz waren und ihren Urlaub als Hilfe für den Nächsten eingebracht haben.

Als sie in der malerischen Gegend ankamen, stand das Gras fast einen Meter hoch. „Man soll ja gar nicht glauben, dass das dort oben so narrisch wächst“, erzählt Bermann und zeigt Fotos aus seinem „Urlaubsort“. Wenn alles gemäht ist, mit der Sense oder im besten Falle mit dem Fingermäher — einer geländegängigen Maschine, mit Stahlrädern, damit sie am Hang nicht abrutscht — ‚ muss das ganze Gras erst einmal mit der Heugabel auseinander geworfen werden, damit es überhaupt trocknen kann. „Wenn es in Südtirol heiß ist, dann g‘scheit und darum dauert es auch keine zwei Tage, wenn man fleißig wendet, und das fertige Heu kann die etwa achtzig Meter den Berg hinunter gerechelt und dort auf einen kleinen Wagen aufgelegt werden. „Luftlinie liegt der Hof nur zwei- bis dreihundert Meter entfernt, da aber alles über serpentinenartige Sträßchen zu erreichen ist, ist es viel weiter“, erzählt er.

In der Erntezeit wird die ganze Verwandtschaft „zusammengekratzt‘, weil es sonst nicht geht, und alle Nachbarn ja selbst mit Heumachen beschäftigt sind. Wer nicht auf Angehörige zurückgreifen kann, der ist froh, dass es seit elf Jahren die Bergbauernhilfe in Südtirol gibt, die ihnen die „Urlauber“ frei Haus besorgt. Die werden von ihren Gastleuten mit allem, was ein richtiger Arbeiter braucht, versorgt „Es gibt eine anständige Brotzeit, Speck, Knödel und Fleisch, Strudel und andere Mehlspeisen“, schwärmen die Bermanns. Fazit: Hungern muss hier keiner und um die Figur muss man sich auch nicht schauen — bei all der Arbeit. Geschlafen wird in den Kinderzimmern, denn der Nachwuchs nächtigt solange bei den Eltern. Bergstiefel, Wetterkleidung und Blasenpflaster sind unerlässlich, was man getrost zuhause lassen kann sind Schlafmittel, Fernseher, Handy und Laptop. „Na ja und die Zweisamkeit kommt auch ein bisschen zu kurz, was an der vielen Arbeit, aber auch an den schmalen Kinderzimmerbetten liegen kann“, schmunzelt Hans Bermann im Nachhinein. Der Bauer steht schon kurz vor Fünf auf und beginnt mit dem Mähen, solange das Gras noch feucht ist, die Gäste dürfen länger liegen bleiben, aber kurz nach Sieben, nach einem anständigen Frühstück geht‘s auch für sie an den Hang. „Und wenn du weißt, wie steil der Weg zum Haus zurück ist, dann vergisst du auch nur einmal, dir eine große Flasche Wasser mitzunehmen“, erinnert sich Bermann an seine Anfangsfehler. Am Abend fallen sie ausgelaugt, zufrieden und glücklich ins Bett, während Bauer Johann noch die drei Sensen für den nächsten Tag dengelt. Das ist eine der wichtigsten Arbeiten in der Erntezeit und von jeher „Chefsache“. 15 Jungviecher hält er und zwei Kühe die von Hand gemolken werden, ebenfalls Chefsache.

Im letzten Jahr waren die Bermanns acht, heuer gleich zehn Tage in Südtirol, „und am liebsten hätten wir gleich fürs nächste Jahr unterschrieben“, sagen sie, denn Südtirol macht süchtig. „Du weißt einfach, dass du gebraucht wirst, das ist das Tolle!“ Die Anfahrt geschieht auf eigene Rechnung, Kost und Logis sind frei, versichert ist jeder, solange er arbeitet. „Natürlich kann man auch noch ein paar Tage dran hängen und richtig Urlaub machen, aber dann halt irgendwo anders, dafür sind die Berghöfe nicht eingerichtet.“ Die Häuser sind spartanisch, die Menschen vom Wetter gegerbt und hart im Nehmen, das Leben am Steilhang fordert seinen Preis.

Christa und Hans Bermann würden sich freuen, wenn ihr Urlaubseinsatz im kommenden Jahr viele Nachahmer finden würde, doch eines möchten sie ihnen gleich mit auf den Weg gehen: „Man darf sich nicht zu schade sein zum Arbeiten und Anschaffen tun die da unten, denn die wissen, was nötig ist — und da muss man dann eben auch mal den Saustall ausmisten.“

VideoErleben Sie jetzt das Video vom Arbeitseinsatz.
Fr 10.9
12 - 26
Sa 11.9
12 - 26
So 12.9
12 - 27