Zeitzeichen November 2009

 Zuletzt war ich doch unsicher geworden. Ob ich überzeugt sei, das durchhalten zu können, hatte Monika Thaler vom Verein Freiwillige Arbeitseinsätze am Telefon gefragt, freundlich, aber mit Nachdruck. Ob ich körperlich fit genug sei? Schwindelfrei? Ob ich über Bergerfahrung verfügte? Ich müsse mir darüber im Klaren sein, dass es nicht um Urlaub ginge, sondern um harte Arbeit. Ich erbat mir einen Tag Bedenkzeit.

Zwei Wochen später bin ich unterwegs nach Südtirol, zum Ort Mühlwald im Pustertal. Dort treffe ich Erich Reichegger, einen jungen Mann von 33 Jahren, mit roten Haaren und braungebranntem Gesicht. Mein Rucksack landet im Kofferraum seines Autos, dann fahren wir Kurve um Kurve eine endlos lange Straße die Berge des Tauferer Ahrntals hinauf. Die kommende Woche werde ich auf seinem Hof verbringen: In 1.600 Metern Höhe, acht Kilometer von der nächsten Ortschaft entfernt, als freiwillige Erntehelferin.

Erich ist Bergbauer und Maurer. Der Hof wirft nicht genug ab, als dass er, seine Eltern Gertraud (59) und Anton (71) und seine Schwester Sieglinde (25) davon leben könnten. Deshalb fährt Erich jeden Tag, wenn er die drei Kühe und die beiden Schweine versorgt hat, ins Tal. Abends muss er noch einmal in den Stall oder aufs Feld. Zwei Hektar Almwiesen besitzen die Reicheggers, etwas Wald, dazu einen Garten, dreißig Hühner und sechs Hasen; das dritte Schwein haben sie gerade geschlachtet. Seitdem Anton vor fünf Jahren einen Herzinfarkt hatte, und Erich bald darauf ebenfalls, ist Gertraud mit der Arbeit auf dem Hof fast ganz allein. Und Sieglinde hilft, wo sie kann, aber ihr Sohn ist erst fünf Monate alt und braucht ihre Aufmerksamkeit.

Die Reicheggers sind nicht die einzigen Bergbauern in Südtirol, die Hilfe benötigen. Seit zwölf Jahren schickt der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze ehrenamtliche Helfer auf mittlerweile 280 Höfe. 1500 sind in diesem Jahr gekommen, aus Deutschland, Südtirol, der Schweiz und Österreich. Gegen freie Kost und Logis arbeiten sie in Stall und Garten, im Haushalt, bei der Betreuung von Kindern und älteren Menschen, vor allem aber bei der Heuernte, wenn jede Hand gebraucht wird.

Finanzielle Zuwendung hilft kaum. „Die Arbeit wird nicht weniger, wenn die Stromrechnung oder die Rate für den Traktor bezahlt ist“, erklärt Monika Thaler vom Verein Freiwillige Arbeitseinsätze. „Das Heu steht ja trotzdem noch auf dem Feld.“ Die Hilfe der Freiwilligen richtet sich nach den Bedürfnissen der Familien. Im Gegenzug erhalten sie einen Einblick in eine andere Lebensweise, lernen Traditionen und Handwerk kennen, die es anderswo kaum noch gibt. Aber: „Es ist für beide Seiten ein Abenteuer“, meint Thaler. „Man muss sich aufeinander einlassen können.“

Der Tag auf dem Hof beginnt zeitig; ich darf bis sieben schlafen. Der Frühstückstisch ist reichlich gedeckt: Es gibt Milchkaffee aus großen Bechern, Kümmelbrot, Krapfen mit Blaubeermus, frische Eier, selbstgemachte Marmelade, Butter und Honig. Gertraud und Anton verfolgen aufmerksam den Wetterbericht im Radio: Für die Heuernte bleiben bis zum nächsten Regen nur noch wenige Tage Zeit.

Und dann stehe ich zum ersten Mal auf der Alm. Nach dem Kochen, dem Mittagessen, dem Spülen, Kehren und Blumengießen hat Gertraud einen Beutel mit Semmeln und Holunderbeersaft für die Marende — die Jause — gepackt, für jede von uns einen Rechen aus dem Stadel geholt und ist mit mir den Weg hinter dem Haus aufgestiegen. Hier hat Erich bereits am Wochenende gemäht, mit einer schweren Maschine, gegen die er sich mit seinem Körper stemmt, wenn er sie über die steilen Wiesen schiebt. Es gibt andere Stellen, die sind so abschüssig, dass Gertraud dort das Gras mit der Sense mäht.

Jeden Schritt setze ich mit Bedacht und bin froh über meine Bergschuhe. Ich folge der waagrechten Linie, die beim Mähen entstanden ist, quer über die Wiese. Das Heu muss herunter gerecht und zu langen Wellen aufgehäuft werden. So kann es die Nacht über draußen liegen, und der Tau befeuchtet nur die äußere Schicht. Morgen werden wir das Heu wieder zum Trocknen auseinander ziehen und wenden, bevor wir es zum Abend hin ein weiteres Mal zu Wellen formen, die Anton schließlich mit dem kleinen, ratternden Heuwagen aufnimmt.

Jetzt aber versuche ich, mir die gleichmäßigen, kraftsparenden Bewegungen Gertrauds abzuschauen. Sie kennt diese Arbeit seit ihrer Kindheit. Als zehnjähriges Mädchen ist sie auf den Hof gekommen, musste — weil der neue Mann der Mutter das uneheliche Kind nicht wollte — zu den Zieheltern gehen. Die waren streng und brauchten sie als Arbeitskraft. „Es war schwer“, sagt sie. Erst spät konnte sie Anton heiraten, der hartnäckig und gegen den Willen der Zieheltern um sie geworben hatte. Fünf Kinder ziehen sie zusammen groß, dazu kommt die Arbeit auf der Alm, Urlaub gibt es nicht. Nur einmal im Jahr fährt Gertraud mit anderen Bäuerinnen einen Tag lang auf eine Wallfahrt. Aber einen anderen Beruf, sagt sie, habe sie sich nie gewünscht.

Ich werfe den Rechen aus wie eine Angel, lasse den glatten Holzgriff durch meine Hände gleiten und ziehe ihn über den steilen Boden zu mir zurück. Gegen den Widerstand von Wurzeln und Grasnarben angle ich so Wurf um Wurf, Zug um Zug die trockenen Silberhalme heran. Der Abhang fordert die Muskeln meiner Waden, nach einigen Stunden schmerzen mir Füße und Schultern. Dennoch genieße ich die Arbeit, die warme Sonne im Nacken, das Summen der Bienen und den würzigen Geruch des Heus. Später, nach dem Abendbrot, sitzen wir noch eine Weile am Küchentisch bei einem Glas Preiselbeerlikör zusammen, spielen mit Johannes und räumen die letzten Pfannen beiseite. Dann fordert die ungewohnte Anstrengung ihren Tribut. Ich schlafe früh und träume von Almwiesen.

Zu zweit ist die Mahd nicht zu schaffen. So stoßen Nachbarn dazu, auch Sieglinde packt mit an, während Johannes im Kinderwagen neben dem Feld schläft. Nach drei Tagen ist das Heu in den Stadel geschafft — gerade noch rechtzeitig. Auf der Alm nebenan haben sie weniger Glück: Dort hängt das Heu wegen des einsetzenden Regens noch einige Tage auf „Stiefln“ zum Trocknen. Der „Pofel“, den wir hereingeholt haben — die dritte Ernte nach der ersten Heumahd und dem folgenden „Grummet“ — hat die beste Qualität, sagt Gertraud.

Das kurze Gras ist wegen der Kräuter für die Milch der Kühe besonders gut. Aus dem, was nicht an die Sennerei geht, stellt Gertraud Butter, Topfen und Graukäse her.

Der Herbst wartet auch mit anderen Dingen auf. Gertraud will mit mir „in die Granten gehen“: Preiselbeeren pflücken im Wald. Gebückt suchen wir die roten, säuerlichen Früchte, die dicht am Boden wachsen. Mit den Zinken einer „Riefl“, einer hölzernen Schaufel, zupfen und kämmen wir die Beeren aus den Büschen. Die Ausbeute landet in den Taschen unserer Schürzen; an zwei Nachmittagen kommen mehr als zehn Kilo zusammen.

Gertraud zeigt mir alles mit Geduld und bescheidenem Stolz. Manchmal hüpft ihr ein Lachen über die roten Wangen und setzt ihre Augen in einen Fältchenkranz. Durch die vielen gemeinsamen Handgriffe, aus denen das tägliche Leben auf dem Hof besteht, fühle ich mich den beiden Frauen immer mehr verbunden. Gertraud ist froh, wenn sie weibliche Helferinnen da hat. „Es spricht sich leichter mit einer Frau“, sagt sie.

„Die Männer“ — sie meint Anton und Erich — „sind recht schweigsam.“ Dass Sieglinde bald zu ihrem Freund zieht, bedrückt sie, im Haus wird es still werden. Umso mehr freut sie sich über die Post einer Helferin, die gerade Fotos von der gemeinsamen Zeit geschickt hat.

Am Wochenende nimmt Erich mich mit zum Wandern. Zehn Stunden gehen wir den Neveser Höhenweg, erleben Sonne, Regen und Nebel: Mein Abschied vom Pustertal. Zwei Tage später verlasse ich die Reicheggers — im Gepäck frische Semmeln, Preiselbeersaft, Schokolade und zwei Gläser Marmelade. Anton bringt mich zum Bus, reibt zum Abschied mit väterlicher Geste seine kratzigen Bartstoppeln an meiner Wange. „Pfüit di“, sagt er. Und ich hofe, dass ich im nächsten Jahr wiederkommen kann.

Natascha Gillenberg

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