Südthüringer Zeitung – November 2018

Südthüringer Zeitung – November 2018

Im Urlaub Bergbauern geholfen: „Die Natur gibt den Rhythmus vor“

Den eigenen Urlaub zu nutzen, um einen fremden Kuhstall auszumisten, zu melken und Unkraut zu jäten, klingt nicht nach Erholung. Bei Thomas Hübner aus Schweina hinterließ sein Einsatz bei einem Bergbauern in Südtirol jedoch ein Gefühl tiefer Zufriedenheit, das immer noch nachwirkt.

Von Marie-Luise Otto

Die Sonntagsbeilage „So“ unserer Zeitung gab den Anstoß, sich einen Wunsch zu erfüllen, den Thomas Hübner aus Schweina bereits seit Längerem hegte. In einer der Juni- Ausgaben wurde über einen freiwilligen Arbeitseinsatz bei einem Bergbauern in Südtirol berichtet. Kontaktdaten standen auch dabei: „Und dann habe ich das einfach mal in Angriff genommen.“ Der studierte Agraringenieur für Tierproduktion, der nach 1989 in einen Bürojob gewechselt ist, habe sich schon immer für Bauernhöfe interessiert. „Und mir war klar, ich kann nicht noch zehn Jahre warten, denn das ist ja auch eine physische Herausforderung“, erzählt der 58-Jährige. Und so habe er Kontakt bei dem Südtiroler Verein für freiwillige Arbeitseinsätze aufgenommen. Seit 1996 vermittelt dieser freiwillige Helfer an Bergbauern, die Unterstützung bei der Bewirtschaftung benötigen – mit Erfolg. Knapp 2000 Helfer arbeiteten im vergangenen Jahr auf rund 300 Höfen und tragen damit auch zum Erhalt dieser besonderen Landschaft bei. Thomas Hübner erlebte ein sehr professionelles Anmeldeverfahren. Er konnte sich ein Gebiet aussuchen, wählte Meran und bekam daraufhin drei Täler und am Ende sechs Bauernhöfe vorgeschlagen. Als Entscheidungshilfe wurde jeder Hof mit einem Steckbrief beschrieben. Auf Grund seines erlernten Berufes habe er einen Betrieb mit Milchviehbestand im Passeiertal ausgewählt, berichtet er. Kurz darauf kam es zum ersten telefonischen Kontakt mit den Bauern, einer jungen Familie. „Es gab wirklich nichts, wo es gehakt hat“, erzählt der Schweinaer. Er sei sehr positiv an die neue Erfahrung herangegangen, „und ich bin nicht enttäuscht worden“. Ende September packte Thomas Hübner sein Auto und fuhr 750 Kilometer gen Süden. Auf 1200 Metern Höhe lag der Hof, den ein Ehepaar bewirtschaftete. Auch die Großeltern leben auf dem Hof, „beide waren jedoch krank“. Nicht nur die Pflege der Eltern, auch der Neubau mit Ferienwohnungen, den der Familienvater nahezu allein stemmte, waren der Grund, warum die Bauern Hilfe beantragt hatten. Denn um freiwillige und ehrenamtliche Arbeitskräfte vermittelt zu bekommen, müssen besondere Gründe vorliegen, informiert der Verein auf seiner Internetseite. Grundsätzlich gelte: Es muss sich um einen – beispielsweise durch die Steillage der zu bewirtschaftenden Flächen – schwer zu bearbeitenden Hof handeln. Zusätzlich werden die soziale und die finanzielle Situation sowie das soziale Engagement der Bauernfamilie berücksichtigt. Ein besonderes Augenmerk gilt auch jenen Höfen, die alte oder kranke Menschen pflegen. Das Verhältnis zur Familie sei von Beginn an unkompliziert gewesen, berichtet Thomas Hübner. Im alten Bauernhaus, in dem auch die Großeltern lebten, bekam er ein Zimmer. Gegessen wurde mit am Familientisch. „Man ist dort ja nicht im Urlaub und es steht einfach ein Teller mehr auf dem Tisch.“ Der Tag begann für den Schweinaer noch vor Sonnenaufgang um 6.15 Uhr mit dem Melken der sechs Milchkühe. Nach einer Einweisung in die Technik kein Problem für den 59-Jährigen. Auf Hochleistung seien die Tiere nicht getrimmt, „zweimal Melken ergab zwischen 75 und 80 Liter“, berichtet er. Dafür seien die Tiere jedoch extrem entspannt, ausgeglichen und freundlich gewesen. „Ich wurde kein einziges Mal von einer Kuh getreten, das kenne ich anders“, sagt Thomas Hübner lachend. Nach dem Melken wurde gefüttert und gemistet und erst dann gab es – gegen 7.30 Uhr – für die Menschen Frühstück. „Hier haben wir dann den weiteren Tag abgestimmt.“ Holz spalten, die Weideflächen von Unkraut befreien und Gartenarbeit standen beispielsweise auf dem Plan. Zudem mussten die Heuerntegeräte winterfest gemacht werden. „Die Natur gibt den Rhythmus vor“, sagt Thomas Hübner. Punkt 12 Uhr traf sich die gesamte Familie am Mittagstisch. Die Bauersfrau habe „tolle, für die Region typische Speisen serviert.“. Das zweite Melken war auf 18.15 Uhr terminiert und gegen 19.30 Uhr gab es Abendbrot. „Wir saßen bis zirka 21 Uhr zusammen und haben erzählt.“ Keine einzige Zeile des Buches, das er mitgenommen habe, habe er gelesen, berichtet Thomas Hübner. „Ich bin ins Bett und sofort eingeschlafen.“ In den sechs Arbeitstagen habe er eine tiefe Zufriedenheit empfunden, „man fährt runter“, erzählt der 59-Jährige, der in Leimbach die Filiale eines Reinigungsdienstes leitet. Das positive Gefühl halte auch nach seiner Rückkehr in den Alltag an. Physisch sei er zwar an seine Grenzen gekommen, „aber das war nicht schlimm“. Im nächsten Herbst will Thomas Hübner wieder eine Woche in Südtirol arbeiten. „Das ist eine wirklich gelungene Sache.“