Erlebnisbericht aus dem Eggental – September 2026

Erlebnisbericht aus dem Eggental – September 2026

Acht Tage im September auf einem Bergbauernhof im Eggental:

kein Ausstieg aus dem Alltag, sondern ein Einstieg in einen anderen – hart, unmittelbar und mit dem stillen Glück, durch Arbeit wirklich gebraucht zu werden. Um viertel vor sieben steht der Kaffee auf dem Tisch der dunklen Küche. Vor dem Balkon graut der Morgen über den Bergen, es ist still und mild, nur das rhythmische Pumpen der Melkanlage ist aus dem nahegelegenen Stall zu hören. Für mich bedeutet das: wieder den Overall und die Gummistiefel anzuziehen. Fünfzehn Milchkühe, drei Kälber, fünf Ziegen im alten Gemäuer. Die Betonrinne hinter den Kühen mit Schaufel und Schubkarre leeren, den Boden fegen. Ziegen und Kälber brauchen Futter und frische Einstreu. Die Handgriffe werden mit jedem Tag bekannter, jedes der Tiere vertrauter, leichter wird die Arbeit dadurch nicht. Die Schubkarre wird wieder und wieder, beladen mit der dunklen, schweren Masse, durch einen gezielten Ruck nach vorne geschoben, über den Rand der Güllegrube hochgestemmt und so geleert. Es ist eine Arbeit, die aus der Entfernung nicht zu begreifen ist. Dann Frühstück. Ein zweiter Kaffee, Brot, Butter, regionaler Käse und selbstgekochtes Apfelmus. Es steht einfach da. Jeden Morgen. Der Tag ist längst geplant: durch das Wetter, das Gras, die Tiere und die Notwendigkeit. Mit dem Traktor und dem großen Anhänger geht es die engen von Felsen gerahmten Straßen entlang an einen steilen Hang. Das Gras wird gemäht und das satte, duftende, frische, schwere Grün Meter für Meter zusammen geharkt. Das Gras muss auf den Hänger, er muss voll werden. Die Sonne steht über der Wiese, die Hitze legt sich auf die Schultern. Wenn Arme und Beine an den Punkt geraten, an dem sie nicht mehr von selbst wollen, denke ich nicht grundsätzlich nach. Mich rettet der Rhythmus, die nächste Gabel, das nächste Büschel, der nächste Schritt am Hang. Das Futter, das wir mühevoll aufladen, reicht für die fünfzehn Kühe gerade einen Tag. Um zwei Uhr steht ein einfaches Mittagessen auf dem Tisch. Ich bin glücklich über die Pause unter dem schützenden Dach mit der Möglichkeit, dem Körper mit der Nahrung Energie zurückzugeben. Der Nachmittag setzt nur fort, was der Morgen begonnen hat. An einem anderen Hang Heu rechen, aufladen, mit dem Traktor zum Stall fahren und abladen. Manchmal, wenn die Hitze drückt, ziehen unten auf dem Weg Wanderer und Radfahrer vorbei in bunter Sportkleidung. Sie sehen hinauf. Für sie ist die Landschaft Kulisse. Ich bin durch mein Tun längst verschmolzen mit ihr. Meine Identität hat sich der Topographie angepasst, freiwillig und für die Dauer der Arbeit. Ich stehe nicht als Betrachter davor. Ich gehöre dazu. Ein stilles, stolzes Gefühl der Erhabenheit. Ich bin wirklich hier. Am Abend Brot, Käse, ein wenig Speck. Um halb acht wieder der Overall und die Gummistiefel. Wieder der Stall. Die Rinne, die Schubkarre, die Melkmaschine, das Heu, die Ziegen, das Fegen. Um diese Zeit gehe ich langsamer. Nicht aus Unwillen, sondern weil der Körper seine Rechnung stellt. Die Schritte werden kürzer, die Bewegungen bedachter. Die Arbeit bleibt dieselbe. Nach zehn Uhr die immer gleiche einfache Kleidung im Waschbecken ausspülen und aufhängen. Ich wasche die Spuren des Tages vom Körper. Das Bad ist alt, das Haus ist alt, alles trägt die Spuren von vielen Jahrzehnten. Es riecht nach Tieren, nach Heu, nach Brot, nach einem Leben, das sich nicht nach einem Wochenplan oder freier Abendgestaltung richtet. Gegen halb zwölf liege ich im dunklen alten Bett. Die Sterne am Nachthimmel scheinen hier heller zu leuchten. Im Stall ist es jetzt ganz ruhig, die Tiere sind zufrieden.

Ich bin als freiwillige Helferin durch die Bergbauernhilfe Südtirol für acht Tage im September auf einem Bergbauernhof gekommen. Vorher hatte ich das übliche Bild im Kopf: Berge, frische Luft, ein einfaches, vielleicht idyllisches Leben. Nach einer Woche weiß ich, dass das Bild unvollständig ist. Hier gibt es keine Bauernhofromantik als Tagesprogramm. Es gibt den täglichen Kampf, den Hof zu erhalten. Mühevoll, wortlos, entschlossen. Die Arbeit kann nicht warten. Der Bauer arbeitet nicht aus einer Idee heraus, sondern weil der Hof sonst nicht weiterbesteht. Die Hilfe macht diese Wirklichkeit nicht leichter. Aber sie sorgt dafür, dass ein Mensch zusätzlich anpackt. Das verändert nicht die Welt. Doch manchmal entscheidet genau diese zusätzliche Hand darüber, ob eine Arbeit vor dem Regen zu schaffen ist. Eine Hand mehr am Anhänger. Es gibt Augenblicke, in denen die Gedanken rasen und ich frage mich, wie Menschen so fernab von allem für mich Selbstverständlichen leben können. Und dann gibt es Augenblicke, in denen der Kopf ganz still wird: auf der Wiese, im Schatten einer kurzen Pause, beim Blick über die Hänge. Ich stehe in einer Welt, die fremd ist. Ich verstehe sie nicht vollständig, aber ich beginne, zu sehen, was sie verlangt. Das ist der Einsatz bisher: keine Ferien, kein Ausstieg, keine Kulisse. Sondern ein anderer Alltag, hart und unmittelbar. Und die Erfahrung, dass Hilfe aus Arbeit bestehen kann. Aus Zeit. Aus dem Entschluss, noch einmal die Gummistiefel anzuziehen.