Erlebnisbericht aus dem Vinschgau – Juli / August 2026

Erlebnisbericht aus dem Vinschgau – Juli / August 2026

Den Bergbauern treu bleiben, das war mir eine Herzensangelegenheit für 2026. So fiel meine Wahl für meinen zweiwöchigen freiwilligen Arbeitseinsatz auf einen historischen Erbhof auf 1810 m Höhe. Der Hof ist seit über 200 Jahren im Familienbesitz. Viehwirtschaft und Urlaub auf dem Bauernhof sorgt für ein Einkommen. Von der Bergbauernfamilie wurde Unterstützung für alle anfallenden Arbeiten rund um Haus und Hof, bei Heuarbeiten, im Garten und bei der täglich anfallenden Stallarbeit angefordert. Ganz nach meinen Geschmack und meinen Fähigkeiten.

Nach einer langen Anfahrt mit dem Flixbus und der Weiterfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmittel ab Meran stieg ich nach gut 15 Stunden um 20:00 Uhr als letzter Fahrgast an der Haltestelle aus. Fasziniert von der Umgebung zog ich meinen Koffer die letzten Meter zu Fuß bergauf. Ein imposanter Bergbauernhof mit sehenswerten Bauerngarten lag vor mir. Der Hofhund stieß mit seiner Pfote gekonnt die Gartentüre auf und begrüßt mich mit einem kurzen Bellen, ehe Kira ein schwarzer Hütehund, zurückrufen wurde. Die Bäuerin stand in der Eingangstür und empfing mich darauf hin freundlich. Nach einer kurzer Einweisung bezog ich mein Zimmer.  Morgens früh um 6:45 Uhr sollte also mein zweiwöchiger freiwilliger Arbeitseinsatz beginnen. Gut so!

Pünktlich stand ich also mit nüchternem Magen um 6:45 Uhr in einem traditionellen Holz-Anbindestall. Das gehörnten Tiroler Grauvieh steht sich dabei in zwei Reihen Kopf an Kopf gegenüber und wird über einem Mittelgang versorgt. Die Futtertröge befinden sich direkt am Mittelgang in denen das Heu etc. vorgelegt wird. Direkt hinter den Kühen verläuft jeweils die Mist- bzw. Kotrinne, welche den Dung auffängt. Die Bäuerin selbst war schon mit der morgendlichen Melkroutine beschäftigt. Die Stallruhe selbst war nur durch sanft wohlklingenden Schellen der Kühe unterbrochen. An sonst wurde nur das notwendigste gesprochen, um mich in die täglichen Stallaufgaben einzuweisen. Eine grau getigerter Stallkatze saß dabei auf der Fensterbank und beobachtete ihr Revier. Für mich hieß es nun erstmal händisch mit Kotschieber und Mistschaufel die beiden Kotrinnen und die Liegeplätze auskratzen. Die Rinnen selbst enden direkt an der Stallaußenwand in einem überdachten Mistsilo. Einen imposanten Schafbock und ein wenige Tage altes Kälbchen sollten ich ebenfalls schon versorgt. Gesagt und getan. Weiterhin galt es vielfältige neue Abläufen, Regeln und Handgriffe in der Stallroutine und Reinigungsmethode der Melkutensilien zu erlernen und einzuprägen. Die Jungbäuerin kümmerte sich zeitgleich um die Versorgung der Schafe und Hühner. Nach dem Melken wurden die trächtigen Mutterkühe fürsorglich von Bäuerin und Jungbäuerin begutachtet und ein möglicher Weidegang abgewogen. Alle Kühe durften auf die Weide. Lediglich die werdenden Mütter wurden stallnah geweidet. Für mich hieß es nun, Kuhschwänze losbinden, Stalltüren öffnen, einen Elektrozaun aktivieren und schon ging es los. Einen Stock als verlängerter Arm und Distanzhalter wurde mir empfohlen mitzunehmen. Begleitet wurde ich am ersten Tag von der Jungbäuerin und Kira dem Hofhund. Bei traumhaften Wetter tastete sich die kleine Kuhherde neugierig ihren gewohnten Weg bergauf zur Weide. Hier und da mal ein frisches Gras fressen, stehen bleiben, umschauen ob die Reihenfolge nach Rangordnung noch passt, wenn nicht auch mal ein wenig rangeln und so trottete die Herde gemütlich aber stetig bergan. Ein leichter Klaps mit der flachen Hand und einige aufmunternde Worte reichten oftmals aus, um die ein oder andere Kuh zum weitergehen zu bewegen. Einen Stock Einsatz bedurfte es nicht. Geschafft! Das letzte Gatter wurde geschlossen und wir machten uns auf den Rückweg. Den Stock der Jungbäuerin trug Kira artig zum Stall zurück. Ich selbst genoss die frische Bergluft und die Aussichten und wechselte mit der Jungbäuerin das ein und andere Wort. Schön so! Die Milchkannen hatte die Bäuerin währenddessen mit der hauseigenen kleinen Materialseilbahn zu Tale gelassen und die restlichen Tiere versorgt. Mit dem rückholende der entleerten Milchkannen wurden sodann die Frühstücksbrötchen geliefert. Jetzt war es ca. 7:45Uhr und Zeit für’s Frühstück. Schnell noch die Stallschuhe gegen Hausschuhe wechseln und ab in die Küche. Der Küchenherd war angefeuert und es roch nach frisch gebrühtem Kaffee. Selbstgemachte Marmeladen, Honig, Butter und Brötchen standen auf dem Küchentisch. Herz, was willst du mehr! Die Tischgespräche drehten sich in erster Linie um das Wetter und der daraus resultierenden Abstimmung zum weiteren Tagesablauf. Dabei gingen die Blicke stetig auf die Wetter App’s. Freudig wurde eine stabile Schönwetterphase für die nächsten Tage prognostiziert, sodass die Heuernte und die vorbereitende Tätigkeiten im Vordergrund stand.

Für mich ging’s zunächst zurück in den Stall. Besenrein auskehren, Milchkannen, Sieb und sonstige Utensilien nach klaren Regeln reinigen und abstellen. Licht aus.Türe schließen. Fertig!

Für den heutigen Tag hiess es für mich nach einer kurzen Einweisung durch die Bäuerin Scheitholz sägen, spalten und einstocken. Für Warmwasser und für die Heizung in der kalte Jahreszeit ist Schürholz die einzige Energiequelle. Es kann also nie genug ofenfertiges Scheitholz vorrätig gelagert sein. Und Holz in den unterschiedlichsten Arten habe es am Hof wahrlich genug. Da lagen lange Stämme vom letzten Windbruch, Balken und Bretter von Abrissarbeiten usw. Alles wurde zu Schürholz für den Eigenbedarf aber auch zum Verkauf verwertet.

Um ca. 12:00 Uhr wurde zum Mittagessen auf der Sonnenterrasse gerufen. Speckknödel mit frischen Salat aus dem eigenen Gemüsegarten gab’s. Lecker und abwechslungsreich wurde gekocht. Es wurde mal ein Spaß gemacht und gelacht aber auch betriebliche Themen besprochen. Ebenso gehörte ein Blick auf‘s Wetter sowie ein Blick mit dem Fernglas hinauf in die Hochalpe zu Schafe, Kälber, Ziegen und Pferde zur obligatorischen Routine und sorgte immer wieder für Gesprächsstoff.

Der weitere festgelegte Tagesablauf wurde nur durch die tägliche Kaffeezeit am Nachmittag unterbrochen ehe um 17:00 Uhr die Kühe von der Weide geholt wurden. Heustadeltore am Laufweg schließen, Elektrozaun aktivieren, Stalltüre öffnen und bergauf zur Alm laufen. „Titzi“ die bereits mehrmalig ferienbeschäftigt auf dem Hof war begleitete mich. Vor dem Gatter warteten bereits einige Kühe sehnsüchtig darauf zurück in den Stall zu dürfen, andere wiederum wollten gar noch nicht bergab zum Melken. So wurde mir jeder Tag ein neues Schauspiel dargeboten. Mal ging’s schnell und mal ging’s langsam. Sobald alle Kühe im Stall angebunden standen begann die Fütterung. Ich band noch die Kuhschwänze fest und dann war erst mal bis ca. 18:30 Uhr Ruhe im Stall angesagt. Jeder ging seiner Arbeitsaufgaben weiter nach. Ich machte weiter Scheitholz.

Dann ging’s los. Das Melken durch die Bäuerin begann. Mit Routine legte die Bäuerin nach einer erfolgten Zitzendesinfektion und einem Vormelken zur Milchkontrolle die mobile Melkeinrichtung am Euter an. Über eine Ringrohrleitung wurde die Milch abgesaugt und in die Milchkammer gepumpt um über Nacht gekühlt zwischengelagert zu werden.
Zwischenzeitlich reinigte ich die Harnrinnen und die Kälberboxen und bereitete für die nächsten anstehenden drei Kälbergeburten die Boxen vor. Das Kalb durfte ich mit separierter und kuhwarm temperierter muttereigener Milch tränken und ebenfalls den Schafbock versorgen.
Zu guter End gab’s nochmal für alle Kühe eine Extraportion Futter bevor Bäuerin und Jungbäuerin sich explizit um das Kalb kümmerten. Die Stallkamera wurde von der Jungbäuerin noch mal geprüft und ich habe letztmalig die Liegeflächen und die Kotrinne gereinigt und final eingestreut.
Die Schafe wurden zwischenzeitlich durch die Jungbäuerin versorgt und die Hühner in den Hühnerstall gebracht und die letzten Eiergelege geleert. Wo doch manche Hühner ihre Eier ablegen bzw. verstecken! Nur die Insider kannten diese Verstecke und manch’ „verlängerter Arm“ war notwendig um auch das letzte Ei aus entfernten Gelegen zu entnehmen. Geschafft! Um ca. 20:00 Uhr war Feierabend für mich und um 20:30 Uhr gabs Abendbrot auf der Terrasse. Müde aber zufrieden ging ich um 22:00 Uhr zu Bett. Was für ein erster Tag! So kann’s weitergehen.

Die weiteren Tage vergingen wie im Flug. Routine kehrte bei mir ein und der Arbeitseinsatz machte mir große Freude. Auch die Heuernte begann reibungslos und nahm Fahrt auf.

Eines Tages, wir saßen beim Mittagessen, und während ich meinen Speckknödel teilte, fragt die Bäuerin was denn die Stallkamera aktuell anzeigt. Die Jungbäuerin schaute auf‘s Handy und lies augenblicklich Gabel und Messer fallen und rief „zwoa Vorderfüß’ und’s halbe Maul schaut’ aussi“ ! Im selben Moment rannten sie zum Stall. Ich stellte kurzerhand das Essen in die Küche und kam nach. Nach der Begutachtung der Sachlage wurde von den Beiden entschieden zwei Geburtsstricke mit zwei Schlaufen jeweils oberhalb der Fesselgelenke anzubinden. Im Einklang mit den Wehen wurde nun jeweils abwechselnd an einem Strick dosiert aber kraftvoll gezogen. Langsam aber sicher wurde das Kälbchen aus dem Leib gezogen. Während der aktiven Geburtshilfe sprachen Beide beruhigend mit der Kuh. Ich, als stiller Beobachter, stand einige Meter entfernt und schaute aufmerksam bei meiner ersten Kalbung zu. Nach wenigen Minuten lag das Kalb auf dem vorbereiteten Stallboden. Schnell wurde festgestellt ob das Kalb ausreichend atmet. Schleim im Bereich von Nase und Maul wurde mit flinken Händen der Jungbäuerin entfernt und das Geschlecht festgestellt. Anschließend das Kalb in Brustlage gebracht, von der Mutterkuh entfernt und an allen „Vieren“ in die vorbereitete Kälberbox gelegt, getrocknet und die Atmung beobachtet. Auch die Mutterkuh erhielt Aufmerksamkeit. Beide waren Wohlauf und die beiden Bäuerinnen freuten sich über ein weiteres weibliches Kalb. Was für ein Erlebnis! Insgesamt durfte ich drei Geburten erleben. Grandios!

Auch sonst waren für mich die Tage abwechslungsreich und kurzweilig. Mal durfte ich mit der Jungbäuerin rote Johannisbeeren rupfen. Ein anderes Mal ein Scheunenfundament von losen Steine befreien als Vorbereitung für eine Sanierung. Dachschindeln aus Holz sortieren und auf Paletten zur Wiederverwendung aufsetzen. Große rund gepresste Heuballen mit der Heugabel geöffnet und über Luken hinab in den Kuhstall geworfen, etc. Viele Tätigkeiten galt es zu verrichten. Es machte mir riesigen Spaß und nach meinen freien Tag, den ich in Meran verbrachte, verflogen die restlichen Arbeitstage wie im Flug.

Am Abreisetag um 7:50 Uhr stand ich nach dem letzten Frühstück mit meinem Koffer wie besprochen zur Verabschiedung auf der Terrasse. Die Bäuerinnen waren noch im Stall beschäftigt. Ich musste aber los zur Haltestelle um meinen Bus nach Meran zu erreichen. Also machte ich mich auf den Weg. Über mir fuhr unverhofft die Materialseilbahn mit den leeren Milchkannen und den Brötchen hinweg. Ich blickte zum Hof hinauf und sah wie die Jungbäuerin mir noch zuwinkte. Wie die beiden Bäuerinnen mir in einem nachfolgenden Email schrieben, gab es einen kleine Zwischenfall im Stall der zu einer Zeitverzögerung und somit zu keiner offiziellen Verabschiedung mehr führte. Einen Dank für meinen freiwilligen Arbeitseinsatz wurde zu meiner Freude dennoch ausgesprochen. In der Antwort Email formulierte ich neben allgemeinen Danksagungen folgendes : „Wichtige Zwischenfälle dulden keinen Aufschub. Also alles gut. Passt scho, wie wir Franken sagen.“ Die Rückfahrt mit dem Flixbus verlief gut und ich erreichte den Zielbusbahnhof nachts des darauffolgenden Tages um 1:20 Uhr und um 2:00 Uhr war ich zu Hause angekommen. Ende!

Beeindruckt hat mich neben der unermüdlichen täglichen Leistung der beiden Bäuerinnen auch die selbstverständliche Nachbarschaftshilfe. In Notsituationen steht man im Schnalstal zusammen und unterstützt sich gegenseitig. Beispielhaft wie folgt: Da fiel während der Heuernte der automatische Heueinzug am Ladewagen wegen eines plötzlich unbekannten Defektes aus. Ein kurzer Anruf beim befreundeten Nachbar, der kam innerhalb einer knappen Stunde mit seinem eigenen Ladewagen auf die Wiese und brachte uneigennützig das trockene Heu in den Heustadl. Der Defekt selbst wurde vom sehr hilfsbereiten Cousin an zwei langen Abenden vor Ort erfolgreich repariert sodass der Ladewagen am Folgetag wieder einsetzbar war. Zur Belohnung gab‘s eine zünftige Brotzeit in geselliger Runde auf der Terrasse.

Wenige Tage später und während der Heuernte war für den Nachmittag Regen gemeldet. Wieder ein Anruf und kurze Zeit später war eine ganze Familie mit zwei Kleinkindern aus einem unterhalb liegenden Bergbauernhof auf der Wiese. Mit den Tätigkeiten bestens vertraut wurden im Nu die Arbeitsschritt neu organisiert und das Heu tatsächlich vor dem nahenden Regen noch trocken in den Stadl gebracht und mit der Heugabel unters Dach geworfen. Wenige Minuten nach der letzten Fuhre regnete es wie aus Kübeln. Die gemeinsame Kraftanstrengung hatte sich also gelohnt. Zu Belohnung setzte sich alle in der Küche zusammen. Es gab kurzerhand heiße Würste und Kaiserschmarrn. Es wurde für alle ein geselliger Nachmittag am Küchentisch.

Oder, der ortskundige und unterhaltsame Jäger wurde gerufen um einen Fuchs zu erlegen. Dieser hatte der Bäuerin ein Huhn gerissen und schlich in der Dämmerung immer noch um den Hühnerstall herum. Tag drauf, in den Abendstunden, war der Einsatz erfolgreich. Der Fuchs war geschossen und wieder ein Anlass um gemütlich beinander zusammen zu sitzen und dem „Jägerlatein“ zu lauschen. Wenn ich auch nicht jeden „Schnals’er“ Redeschwall verstand, so konnte ich den Gespräch doch folgen und mich auch mal sachdienlich einbringen. Lustig war es allemal!

Da waren dann noch die interessanten Gespräche und Begegnungen mit der Lehrerin aus Norddeutschland, den alpinen Trailrunner aus Erding, den beiden Schornsteinfegern und der junge Milchkontrolleurin, und einige mehr.

Oder der morgendliche Schreckmoment, als sich ein für die Zucht wertvolles Schaf, beim Überspringen eines Gatter das rechte hintere Bein brach! Ein Tierarzt kam, das Bein wurde eingegipst und wenige Stunden später stand es wieder auf der Weide bei seinen Artgenossen.

Und zu gutem Schluss die Altbäuerin, die Oma, die immer ein nettes Gespräch mit mir suchte. Gerne unterhielt ich mich mit ihr über ihre heutige Leidenschaft, dem sehr gepflegten und umfangreichen Bauerngarten oder ihrer Hauskatze. Manchmal, wenn auch nur kurz, auch über ihr bewegtes Leben. Es bleiben mir die wunderschönen und unvergessliche Momente mit liebenswerten Menschen, die Stille der Berge ohne Konsum und nur beschränkt auf das Notwendigste sowie arbeitsreiche aber erfüllende Arbeitstage in Erinnerung.

Ein fantastisches Erlebnis!

Die Bauernfamilie mit ihrer Verbundenheit zu Tradition und Natur selbst haben mich sehr beeindruckt.
Meine Wertschätzung für die nachhaltige Bewirtschaftung eines Bergbauernhofes in dieser hohen Lage hat sich in mir gefestigt.
Für die Bewirtschaftung des Hofes und damit dem Erhalt der Kulturlandschaft und der Artenvielfalt zolle ich der Bergbauernfamilie meinen vollen Respekt!

Ein besonderer Dank geht an die engsten Familienmitglieder die mich herzlich in ihren Familie aufgenommen haben. Ich wünsche ihnen weiterhin viel Kraft für die kommenden Aufgaben.
Weiterhin bedanke ich mich bei allen die es mir ermöglicht haben diese Bergbauernhilfe in 2026 abzuleisten.

Schöne Grüße aus Volkach, Franken, Bayern, Deutschland. Harald