03 Nov. Erlebnisbericht aus dem Vinschgau-Oktober 2025
„NIMM‘ ES, WIE ES KOMMT“ – AM ENDE SIEHT MAN, WAS GESCHAFFT WURDE
Eine Woche im Oktober durften wir – meine beiden Schwägerinnen und ich – auf einem Bergbauernhof auf 1.500 m mitarbeiten. Je höher wir uns in Serpentinen dem Hof näherten, desto größer wurde die Spannung. Was würde uns erwarten?
Die Antwort: steile Hänge, klare Luft, ehrliche Arbeit und ein Bauer, der mit wenigen Worten viel Gelassenheit ausstrahlt. Schon am ersten Abend merkten wir: Hier oben ticken die Uhren anders. Einfacher. Direkter. Und alles ist mit echter Handarbeit verbunden.
Unser Arbeitsrhythmus
Der Bauer begann seinen Tag gegen 5:30 Uhr im Stall. Wir starteten etwas später – nach dem Anfeuern der Öfen und einem kräftigen Frühstück. Dann ging es hinaus an den Hang.
Typische tägliche Arbeiten waren:
• Kühe und Schafe auf die Weide treiben und abends zurückholen
• Stallarbeit: Mistrinne reinigen, Schafe tränken, Kalb füttern
• Alte Zaunreste und Buschwerk aus dem Hang bergen
• Baumstämme entrinden („putzen“)
• Holz zuschneiden, Pfosten und Latten tragen
• Zaunfelder bauen und ausbessern
• Altholz verladen und zum Hof transportieren
Mittags erwartete uns immer ein warmes Gericht, das meine Schwägerinnen zwischendurch extra zubereitet haben. Nach körperlicher Arbeit schmeckte jedes Essen intensiver. Abends wurde erst nach 20 Uhr gegessen – nach Aufräumarbeiten und zuletzt Stallarbeit.
Die Hauptaufgabe: Neubau eines Zauns
Unsere zentrale Arbeit war der Bau eines neuen Weidezauns am steilen Waldrand. Das Material dafür musste zunächst selbst hergestellt werden. Das Gelände fiel in zwei Richtungen stark ab, jeder Schritt musste überlegt sein.
Der Ablauf: 
1. Bäume fällen
2. Stämme von Hand entrinden
3. Mit der Motorsäge zu Pfosten und Latten zuschneiden
4. Pfosten einschlagen (bis 2,5 m lang!)
5. Holznägel einsetzen
6. Latten auflegen und mit Draht verspannen
7. Altes Zaunmaterial entfernen, zu den Wegen tragen und abtransportieren
Alles Material entstand direkt aus dem Wald – nichts wurde zugekauft!
Das Einschlagen der Pfosten war schweißtreibend. Anfangs zählte ich zehn Schläge, bevor die Arme brannten – später nur noch fünf. Der Bauer merkte sofort, wenn die Kraft nachließ:
„Mache mal eine Rascht.“
Mit jedem Meter wuchs das Gefühl, gemeinsam etwas Bleibendes zu schaffen.
Besondere Momente
Es gab Aufregung, als die Schafe ausbüxten. Es gab Gelächter, wenn Dialektwörter missverstanden wurden („Hebscht du?“). Und es gab stille Augenblicke, wenn wir am Hang kurz innehielten und die Bergwelt „einatmeten“.
Am vierten Tag maßen wir abends den fertigen Zaun: 64,80 m. Wir hätten es anfangs nicht geglaubt. Leider fehlten ca. 15 m, damit der Bauer die volle Beihilfe der Naturparkverwaltung für maximal 80 m erhält. Am letzten Tag haben wir noch 6 m an einer anderen Stelle geschafft, die restliche Zeit waren Aufräumarbeiten im Wald nötig.
Der Bauer sagte oft zwei Sätze, die uns geblieben sind:
• „Nimm es, wie es kommt.“ und
• „Mach nur langsam!“
Diese Sätze passten zu allem – zur Arbeit, zum Wetter, zu krummen Nägeln und verschwundenen Schafen.
Was bleibt
Die Tage waren körperlich fordernd. Abends taten Arme, Beine und Rücken weh. Und doch fühlten wir uns selten so geerdet.
Wir haben erlebt, wie viel Einsatz nötig ist, um diese Kulturlandschaft zu erhalten. Der finanzielle Ertrag steht in keinem Verhältnis zur Arbeit, aber die Zufriedenheit des Bauern, seine Ruhe und sein Humor haben uns tief beeindruckt.
Einzig betrübt hat uns, dass der Bauer nur für knapp 71 Zaunmeter eine Beihilfe bekommen wird. Weil nach uns keine weiteren Helferinnen oder Helfer kommen, ist es nahezu unmöglich, dass er die letzten 9 m bis zur Frist Mitte Oktober alleine fertigstellt.
Am Ende floss beim Abschied manche Träne. Wir kamen zum Helfen und gingen als Teil eines besonderen Alltags.
Wer bereit ist, anzupacken, wer Natur nicht nur anschauen, sondern gestalten möchte, wird hier mehr finden als Arbeit: Gemeinschaft, Sinn – und das gute Gefühl, abends sehen zu können, was man geschafft hat.
p.s.: Da wir nur eine Fahrstunde entfernt mit der Großfamilie Urlaub gemacht haben, haben wir an einem Mittwoch mit deren Unterstützung die letzten Meter Zaun fertiggestellt. Für alle Beteiligten war es eine große Befriedigung, dieses (auch gedanklich) vorhandene „Loch“ noch fristgerecht fertigzustellen.
Dies ist eine Kurzfassung. Der ausführliche Bericht ist hier zu finden (Link).
