03 Okt. Landwirt – Oktober 2026
„Man spürt jede Hand“
Der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze hat in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag zu feiern: Bei der Freiwilligenfeier am 3. Oktober im Vereinshaus von Sarnthein wird ein Buch zum Jubiläum
vorgestellt. Es ist im Athesia-Tappeiner Verlag erschienen und trägt den Titel „Man spürt jede Hand“.
Im Buch „Man spürt jede Hand“, das von Leo Hillebrand geschrieben wurde und im Athesia-Tappeiner Verlag erschienen ist, wird die 30-jährige Geschichte des Vereins Freiwillige Arbeitseinsätze nachgezeichnet: Dazu wurden Verantwortliche, Wegbegleiterinnen und -begleiter interviewt, Protokolle und Dokumente gesichtet und ausgewertet. Zu Wort kommen selbstverständlich auch Bäuerinnen und Bauern, die die Bergbauernhilfe in Anspruch nehmen und nahmen, sowie viele Freiwillige, die den Familien auf den extremen Höfen im Land tatkräftig unter die Arme greifen. Ab Oktober ist das Buch in allen Athesia Filialen und online erhältlich. Es kann auch in den Bezirksbüros des Südtiroler Bauernbundes und im Büro des Vereins Freiwillige Arbeitseinsätze bezogen werden. Hier eine Leseprobe:
Besondere Herausforderungen
2004 geht der Tätigkeitsbericht des Vereins erstmals ausführlicher auf die besondere Form der Bergbauernhilfe ein: „2004 wird zum Jahr der Gruppeneinsätze. Acht Gruppen werden in verschiedenen Projekten auf unseren Berghöfen eingebunden. Es wird eine Menge vorangebracht, wo viele Hände gebraucht werden, doch stößt das Vermittlungsbüro erstmals an seine Grenzen zum einen weil Gruppeneinsätze mit einem großen organisatorischen und logistischen Aufwand verbunden sind, dem nur mit Mühe angemessen begegnet werden kann, zum anderen weil Höfe, auf denen Gruppen auch wirklich sinnvoll eingesetzt werden können, eher spärlich gesät sind. In der Vereinsleitung wird bereits über eine Änderung der Kriterien nachgedacht. Man setzt in Zukunft wohl auf Gruppeneinsätze, bei denen die logistische Problematik (Anfahrt, Unterkunft usw.) weder über die Bauernfamilie noch über den VFA abgewickelt wird.“ Diese eher skeptische Ansage sollte nur zum Teil umgesetzt werden. Tatsächlich hielt der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze z. B. Schulen an, einen Teil der Organisation selbst zu übernehmen, mit zunehmende Routine handhabte das Büro jedoch dies Einsätze selbst mit sicherer Hand. Und auch in Bezug auf die Adressaten erwiesen sich die Bedenken als unbegründet: Es fanden sich ohne Weiteres Höfe, für die sich diese Hilfe als geradezu ideal erwies.
Bauernjugend und Schulen
Koordinator Günter Falser (Falser war von 2001 bis 2007 Koordinator des Vereins Freiwillige Arbeitseinsätze, Anm. d. Red.) tourte in den Nullerjahren im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit durch das Land und hielt zahlreiche Vorträge. Er forcierte Gruppeneinsätze, um die Jugend besser anzusprechen, aber auch mit dem Hintergedanken, die Südtiroler Beteiligung an der Bergbauernhilfe zu stabilisieren. Ein durchschlagende Erfolg, so der frühere Koordinator, seien die Vorträge bei den Ortsorganisationen der Bauernjugend gewesen. Er könne sich kaum an einen Auftritt erinnern, bei dem sich anschließend nicht eine Organisation zum Einsatz gemeldet habe. Bereits unter seinem Vorgänger Breitenberger kam es zu einem anderen Kontakt: Die Fachoberschule für Landwirtschaft Auer bekundete dem Koordinator gegenüber Interesse, die Schüler in Form eines Praktikums auf die Höfe zu schicken. Dies sollte der Auftakt zu einer dauerhaften Zusammenarbeit des VFA mit den Schulen sein. Nicht nur die Fachoberschule für Landwirtschaft Auer, auch die Fachschule für Landwirtschaft „Laimburg“ oder die Meraner Landesberufsschule „Luis Zuegg“ schickten immer wieder Schüler einzeln, vor allem aber in Kleingruppen auf Höfe. Auf den Höfen waren des Öfteren auch Teams der Katholischen Jugend zu Gast.
Schubkarre statt Schulbank
Martin Lercher, Redakteur der Sonntagszeitung „Zett“, veröffentlichte 2004 einen anschaulichen Bericht, wie eine Praktikumswoche der Fachoberschule für Landwirtschaft Auer auf Bergbauernhöfen abläuft: „Schwitzen statt Sitzen, Stiefel statt Schreibzeug, Heu-Rechen statt Taschen-Rechner: So sieht die Schulschluss-Woche für 27 Drittklassler der Landwirtschaftlichen Oberschule Auer aus. Die Nachwuchs-Bauern meldeten sich freiwillig über den „Veren für Arbeitseinsätze“ eine Woche lang zum Arbeitseinsatz auf Berghöfen. „Die meisten Schüler kommen aus dem Obstbaugebiet, und sie haben gesehen, dass auf den Höfen, am Berg eine Hilfe sehr notwendig ist“, erklärt Turnlehrer Gerold Koppelstätter, der das beeindruckende Schulprojekt gemeinsam mit der „Einsatzzentrale“ beim Bauernbund ins Rollen brachte. Eltern fahren die Schüler heute auf die 13 ausgewählten Bergbauernhöfe u.a. in Prad, am Schlanderser Sonnenberg, im Sarntal, in Mölten, Latzfonz, St. Leonhard bei Brixen, Seis, Lajen und Wengen. Während der Woche schaut ein Lehrer am Einsatzort vorbei – obwohl Kontrolle wahrlich nicht nötig ist. „Unsere Schüler sind 100-prozentig bei der Sache“, weiß Koppelstätter bereits vom erfolgreichen Projektstart im Vorjahr. Und Lernen lässt sich in der Klasse am Berghang sehr viel und vor allem was fürs Leben. „Diese Einsätze stärken die Persönlichkeit dieser jungen Leute. Sie wissen, dass wir Ihnen diese Aufgabe zutrauen, und sie schaffen das auch.! Dass die Schulwoche auf dem Hof gefällt, zeigt eine andere Zahl: von den 15 Auerer Oberschülern, die bereits im Vorjahr mitmachten, meldeten sich sechs bereits wieder zum Sommereinsatz. Auf den Bauernhöfen sind die tüchtigen Helfer noch in bester Erinnerung. „Einige Schüler haben sich auf den Höfen ein Denkmal gesetzt“, bestätigt Günter Falser, Koordinator des Vereins „Freiwillige Arbeitseinsätze“
Einsätze mit hohem Potenzial
Was für individuelle Einsätze galt, erwies sich mehr noch für Gruppen als essenziell: die richtige Mannschaft auf den passenden Hof zu vermitteln. War dies gewährleistet, konnte diese Form der Hilfe erstaunliche Ergebnisse hervorbringen. Die VFA- Koordinatoren geraten heute noch ins Schwärmen, wenn sie manche Einsätze in Erinnerung rufen. Immer wieder staunten die Bauern, was ein halbes Dutzend Schüler oder Mitglieder der Bauernjugend an einem einzigen Tag zu leisten vermochten. Günter Falser erinnert sich an einen Einsatz in Rabenstein, wo die Bauern beim Abschied angesichts der Arbeitsleistung regelrecht ins Weinen geraten: Sie hatten es nicht für möglich gehalten, dass Jugendlich an einem Wochenende jene Menge an Heu einbrachten, für die sie selbst drei Wochen benötigten. Solche Leistungen kamen nicht von ungefähr: Diese Jugendlichen waren fit, an körperliche Arbeit gewöhnt und meist äußerst geschickt. Oft brachten sie sogar das Werkzeug von ihren Heimathöfen mit. Gruppen ermöglichten es dem Verein außerdem „Feuerwehr“ zu spielen: War ein Bauer mit der Ernte arg im Rückstand, schickte man eine Gruppe auf den Hof, um zu mähen. Das folgende Wochenende kam die nächste Mannschaft, um das Heu einzubringen. Für Jugendliche, aber auch Gruppen von Erwachsenen hatten diese Einsätze zudem hohen Unterhaltungswert: Umständehalber schlief man in den selbst mitgebrachten Zelten, kochte und grillte gemeinsam, lernte sich untereinander besser kennen. Ungeachtet der anfänglichen Skepsis im Verein zeigte sich bald, dass es sehr wohl Höfe gab, auf die der Gruppeneinsatz zugeschnitten war. Nicht selten handelte es sich um alleinstehende Bauern, die nicht in der Lage waren, Unterkunft und Verpflegung in angemessener Weise zur Verfügung zu stellen. Ihnen konnte man auf diese Weise Hilfe angedeihen lassen.
